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Kreativ in Hildesheim

“Tutorium”. Was für ein kurioses Wort. Was für eine kuriose Angelegenheit. (Laetizia)

Die erste Woche eines Erstsemesters ist die erste Woche in einem Land, dessen Sprache er nicht versteht. Es ist die erste Woche in Hildesheim, der kleinsten Großstadt Niedersachsens, und es ist die erste Woche im Studiengang “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus”. Worum geht es?

Wir betrachten die Hildesheimer Kultur. (Lena F.)

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Es gibt in Deutschland zwei Möglichkeiten, literarisches Schreiben zu studieren: den Hildesheimer Studiengang “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus” und das Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL). Beide Studiengänge verfolgen sehr unterschiedliche Ansätze.

Die Leipziger legen Wert auf eine “möglichst professionelle Schreibkompetenz und literarische Gestaltungsfähigkeit [sowie] [..] literaturhistorische und literaturtheoretische Kenntnisse”. Das Schreibstudium in Leipzig bietet einen Erfahrungsraum mit großen Freiheitsgraden. Im Mittelpunkt steht die Arbeit an einem spezifischen Werk – zum Beispiel einem Roman. In der Diskussion mit den anderen Studierenden sowie den Professoren und Dozenten (u. a. Josef Haslinger, Michael Lentz, Hans Ulrich Treichel) finden die Studierenden den notwendigen Austausch über ihre Ansprüche und ihr Werk.

Die Hildesheimer vermitteln “das Handwerkszeug für professionelles, sach- und mediengerechtes Schreiben [...] und [geben] Einblicke in das Berufsfeld der Kulturvermittlung.” Die stärkere Ausrichtung auf die Praxis zeigt sich vor allem in den Wahlpflichtbereichen (unter anderem Theater, Bildende Kunst, Musik, Kulturpolitik und Kulturmanagement). So etwas heißt hier “Beifach”, um es vom Nebenfach zu unterscheiden, das Studierende gerne vernachlässigen. Die beiden Professoren Hanns-Josef Ortheil und Stephan Porombka sind weniger am Werk, als an der Verwirklichung einer Lebensweise interessiert.

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Stelle ich mich selbst dar, um zu schreiben? Lebe ich, um Texte zu verfassen? Bin ich im Akt des Schreibens befreit von Maskerade und aller Öffentlichkeit? Studiere ich, um mein Überleben zu sichern, um reich und berühmt zu werden? (Laetizia)

Die Erstsemester in Hildesheim erhalten keine einfachen Antworten auf ihre Fragen. Sie befinden sich von Anfang an in mitten in der Arbeit und werden zum Schreiben angehalten – und zur Reflexion darüber. So lernen sie das literarische und das kulturjournalistische Schreiben in der Praxis.

Kern der Hildesheimer Methode ist das Abfassen von “Notaten”, wie es etwas vornehm heißt. Die Erstsemester sollen jede interessante Begebenheit notieren und ihre Niederschriften zu einem Steinbruch für ihre Texte machen. Allerdings erfordert das dauernde Notieren von Szenen und Beobachtungen ein wenig Übung. Deshalb erhalten sie direkt in der ersten Woche eine wichtige Aufgabe: Das Führen eines Arbeitsjournals mit Gedanken über die Bedingungen und Voraussetzungen ihrer Arbeit. Aus diesen Selbstbeobachtungen entsteht später das “Kulturtagebuch. Leben und Schreiben in Hildesheim“, ein kollektives Tagebuch mit montierten Zitaten aus den Arbeitsjournalen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Verfassen von kurzen kulturjournalistischen Beschreibungen und Beobachtungen – etwas weniger vornehm, aber dafür umso stylischer als “Snapshot” und “Webcam” bezeichnet. Diese Texte sind entsprechend der Hildesheimer Auffassung von Kulturjournalismus ein Pars Pro Toto der Alltagskultur. Sie zeigen kleine Ausrisse aus der Wirklichkeit, zum Beispiel Szenen aus dem öffentlichen Nahverkehr. Eine Auswahl der Texte wird in die Anthologie “Fahrtenschreiber. Berichte aus der Transportkultur” übernommen.

Diese Auftragsarbeiten binden die Erstsemester bereits in der ersten Woche in Veröffentlichungsprojekte ein, die in dem Kleinverlag Glück & Schiller erscheinen. Darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, Kulturvermittlung zu betreiben: Radio, Theater, Videodrehs, ein Literaturfestival und nicht zu vergessen die privaten Gesprächskreise, die sich rasch bilden, um die eigenen Texte in einer freundlichen Kleingruppe zu besprechen.

Ich war noch nie in meinem Leben so aktiv wie hier. (Tilman)

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Die durchwegs jungen und sehr jungen Hildesheimer gehen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen an ihr Kulturtagebuch. Einige haben bereits journalistisch gearbeitet, andere ein Blog geführt oder Texte auf Jetzt.de und Neon.de veröffentlicht, manche haben nur für die Schublade oder ein paar Freunde geschrieben.

Gemeinsam ist allen, dass sie vor Hildesheim in erster Linie aus einem für “den jungen Menschen” (Michael Rutschky) typischen Grund geschrieben haben, einer Kombination von Narzissmus und Exhibitionismus. Ein klassisches Teenage-Gefühl, auf dem heutzutage die Geschäftsmodelle von MySpace oder SchülerVZ basieren.

Der Schreibimpuls kommt oft aus zwei miteinander verquickten Wünschen: Dem Wunsch, eine als neu erfahrene Situation zu verarbeiten und dem Wunsch, Anerkennung zu finden. Da wirken Angebote wie Jetzt.de als erweiterter Freundeskreis: Dort sammeln sich junge Leute, die ihrem Schreibimpuls folgen und sich darin – meistens – positiv verstärken.

Doch kreatives Schreiben in Hildesheim soll mehr sein als gelegentliches Niederschreiben von Intuitionen. Idealvorstellung des Studiengangs ist die kulturell gebildete Autorenpersönlichkeit, die literarisch und journalistisch schreibt, in Ton und Bild reportiert, dramatisiert, dialogisiert, lektoriert, rezensiert, kritisiert – Schreiben als Lebensform.

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Ich sitze direkt an der Bar [..] und schreibe eine Kurzgeschichte. [...] Die Idee kam mir vorhin einfach zugelaufen, in ganzen Sätzen und riesigen, ruhigen Bildern. [...] Jetzt muss ich nur noch ausformulieren, an einem lauten Ort, unter mitlesenden Blicken. Das hätte ich früher nie gekonnt. (Hannah)

Im Laufe der Wochen verändert sich der Charakter des Kulturtagebuchs. Anfangs geht es oft darum, das sich selbst genügende Schreiben zu überwinden. Die Erstsemester verzweifeln fast daran, die eigenen Befindlichkeiten und die Schwierigkeiten mit dem Studium des literarischen Schreibens produktiv umzuwenden – zu einer Diskussion der Frage, wie ein kollektives Tagebuch entsteht und worin ihr Beitrag daran besteht.

Nach einiger Zeit jedoch verändert sich der Charakter der Einträge. Das Räsonieren tritt in den Hintergrund, die Aufzeichnungen werden nachdenklicher, überlegter und gedankenreicher. Auch wenn private Erfahrungen beschrieben werden, steht doch ihre Verknüpfung mit dem Studium im Vordergrund. Langsam entfalten sich die Fähigkeiten der jungen Leute, sie verlieren nach und nach die egozentrische Sicht auf ihre Texte, werden professioneller, halten mehr Distanz zum Schreiben.

Das Kulturtagebuch wird zum ersten Teil eines kollektiven Bildungsroman.

Wenn ich mich künstlerisch weiterentwickeln will, muss ich anfangen, meine Aufgabe auch zu leben. Sprich: Jede wache Stunde darauf verwenden, besser zu werden. (Lino)

Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim.
Herausgegeben von Stefan Mesch und Kai Splittgerber.
Glück und Schiller 2007. 384 Seiten, 18,50 EUR.
ISBN 3938404205

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