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Selbstwähldienst

Dauernd wird telefoniert, dauernd. Das Telefon ruft tagsüber und abends. Eines der Kinder springt immer die Treppe herunter. Eines der Kinder läuft immer zum Telefon und ruft einen Freund an. Dauernd wird telefoniert und die Kinder rufen sich gegenseitig zu, mit wem sie noch telefonieren müssen, mit wem sie schon telefoniert haben und wer nicht erreichbar ist. Dauernd schrillt die Glocke, eines der Kinder läuft die Treppe hinab, und es hebt den Hörer, ruft in das Telefon hinein. Nun wird geplant, verhandelt, zugesagt, abgelehnt, erwogen, verworfen. Dauernd wird telefoniert.

“Unordnung und frühes Leid” von Thomas Mann schildert einen Tag im berlinischen Haushalt des Geschichtsprofessors Cornelius. Es ist Inflationszeit, ein Ei kostet sechstausend Mark und für die frühabendliche Party der beiden Ältesten sind zwanzig nötig. Ein Kaufmann liefert zwei Eier pro Familie. Freunde der Kinder helfen beim Einholen, unter den Namen fremder Familien. Es muss viel organisiert werden. Dauernd wird telefoniert. Das Telefon ist ein Statussymbol, nur knapp kann sich Cornelius das Gerät noch leisten. Andere Familien haben es aus Geldnot bereits abgeschafft.

Die Erzählung von 1926 ist ganz modern. Die Kinder lächeln über die Eltern, nennen sie Greise. Die Eltern verstehen nicht, warum sich die Ältesten so seltsam kleiden, modische Kleidung tragen, die sie von den Erwachsenen unterscheidet. Der Sohn schminkt sich die unteren Lider mit Kajal. Dauernd wird telefoniert, herrscht Aufbruchstimmung, kommen und gehen die Kinder, kündigt sich Besuch an, muss etwas organisiert werden, bis die Gäste da sind. Von Anfang an herrscht Unruhe. Dauernd das Telefon, das klingelt, den Vater unterbricht, die Mutter stört, die kurze Rast beendet.

Für die Kinder ist es ein Spielzeug. Sie rufen Wildfremde an, lassen sich unter falschem Namen verbinden, gaukeln wichtige Anrufer vor. Anders als das Ehepaar Cornelius sind sie mit dem Telefon aufgewachsen und behandeln es nicht wie ein Ding. Es ist für sie eine Verstärkung der eigenen Stimme: Sie rufen Freunde an, um sich zu verabreden. Die Eltern kennen es noch, dass Verabredungen per Brief getroffen und deshalb lange im Voraus geplant werden. Die Kinder verabreden sich über das Telefon. Dauernd wird telefoniert; bist Du gleich da, ich komme herüber, oder komm Du doch, treffen wir uns bei mir.

Der Ruf des Telefons klingt nervös in der behäbigen und etwas verstaubten Welt der großbürgerlichen Familie Cornelius. Es steht im Arbeitszimmer des Vaters, getrennt von der Privatheit der Familie, wie alle Dinge, die mit dem Beruf des Professors zu tun haben. Zu dieser Zeit gibt es noch keine Selbstwähltelefone. Stattdessen redet, wer den Hörer abgenommen hat, mit dem Fräulein vom Amt und nennt den Gesprächspartner. Das Fräulein vom Amt sitzt vor einem Schaltschrank, steckt die Verbindung mit einem Kabel und kann mithören, weshalb das Telefonieren nicht als privat gilt.

Die Kinder wissen, dass da noch jemand mithört. Sie produzieren sich, strecken sich innerlich. Sie simulieren die dunkle Stimme eines würdevoll auftretenden Adligen. Sie geben eine Komödie und einen Mummenschanz, so wie dies Kinder mit den Türglocken tun, wenn sie Klingelmännchen spielen. Sobald das Fräulein vom Amt den Schabernack der Kinder bemerkt, trennt sie rigoros die Verbindung. Doch meist haben die jungen Damen in den Fernsprechvermittlungsstellen zu viel zu tun. Dauernd wird telefoniert, und sie müssen rasch verbinden.

Telefonvermittlung ist Frauenarbeit. Im frühen 20. Jahrhundert wächst in Deutschland die Zahl arbeitstätiger Frauen, obwohl dies der allgemein herrschenden Auffassung widerspricht, der Platz der Frau sei das Heim und ihre größte Aufgabe die Kindererziehung. Trotzdem werden Frauen für bestimmte Tätigkeiten gebraucht, die Männer nicht ausüben wollen oder sich als dafür ungeeignet erwiesen haben. Oft ist dies die Arbeit mit neuen Bürogeräten wie Schreibmaschinen oder Diktaphonen und in den überall in Deutschland entstehenden Fernsprechvermittlungsstellen.

Bei den ersten Telefonexperimenten der Reichspost in den 1880er Jahren stellt sich schnell heraus, das die Stimmen der Frauen wesentlich besser geeignet sind als die der Männer, für jedermann verständlich und auch bei schlechter Leitungsqualität die Verbindungen anzusagen. So werden die Fernsprechämter schnell zu den größten Arbeitgebern von Frauen in Deutschland. Die Fernsprechnetze wachsen, dauernd wird telefoniert. Das Fräulein vom Amt wird sprichwörtlich, und das Telefon erlaubt es jungen bürgerlichen Frauen im Wartestand, vor der Ehe zu arbeiten und eigenes Geld zu verdienen.

Am 15. August 1926, genau acht Wochen vor dem Erscheinen von “Unordnung und frühes Leid”, beginnt der Selbstwähldienst im berlinischen Telefonnetz. Das Fräulein vom Amt wird in Deutschland bald zu einem Relikt. Zwei Jahre später führt die Reichspost das Selbstwähltelefon W28 ein, ein markantes Modell aus mattschwarzem Bakelit, das kaum verändert bis in die 1970er Jahre genutzt wird und heute ein begehrtes Sammlerstück ist. Nachfolgende Gerätegenerationen wechseln einander immer schneller ab, die Telefone bekommen Tasten und verlieren die Kabel, doch dauernd wird telefoniert.

(2006)

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