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Kurzer Halt auf dem Heimweg

Horst Mebus arbeitet in der Schuhfabrik von Neuenhaus. Nach Feierabend ruht er erst eine Stunde, dann widmet er sich seinen beiden Rottweilern. Er zieht Wanderkleidung und feste Schuhe an, greift noch kurz in den Speiseschrank und nimmt die paar Würste, die seine Frau für Hund und Herrn dahin gelegt hat. Er pfeift nach den Tieren und los geht es.

Rottweiler haben einen enormen Bewegungsdrang, sie laufen voran, sprinten hechelnd zurück und wieder weit voraus. Horst Mebus lässt sie herumwieseln. Er marschiert in einer großen Schleife an der Brucher Mühle vorbei, dann zur Sengbachtalsperre hinauf und nach Höhrath. Dort wendet er sich in Richtung Oberwinkelhausen. Im Dorfgasthof trifft er vielleicht seinen Bruder. Oder ein paar Freunde. Oder er trinkt sein Bier alleine.

Franz Mebus ist der Postbote von Tente. Er hat im Krieg das Fernmeldehandwerk gelernt und war danach Fernmeldearbeiter: Masten aufrichten, Kabelstrecken ziehen, Hausanschlüsse verlegen. Eines Tages schloss er im Postamt Tente das Kabel für ein zweites öffentliches Telefon an und erfuhr, das Postboten fehlen. So wurde er ein paar Wochen vor der Weltwirtschaftskrise Beamter.

Seine Wohnung im Döllersweger Hof liegt in der Nähe der neuen Autobahnbrücke, die Tente mit Oberwinkelhausen verbindet. Es ist Ende August 1939, die Teilstrecke zwischen Burscheid und Remscheid ist vor kurzem eingeweiht worden. Der Weg ist jetzt kürzer, Franz Mebus macht sich regelmäßig nach dem Abendessen auf den Weg. Im Dorfgasthof trifft er vielleicht seinen Bruder. Oder ein paar Freunde. Oder er trinkt sein Bier alleine.

Die beiden Männer drehen sich um. Der Dorflehrer von Tente kommt in den Gasthof. Die Gespräche verstummen, es sind viele Tenter hier. Kurz vor der Weltwirtschaftskrise hat Lehrer Schulz in der Volksschule angefangen. Die Leute begegnen ihm mit Vorsicht. Kein Wunder, denn er war schon vor 33 in der Partei.

Ein strammer Nazi, wie die Leute sagen. Ein 150%iger, der glaubt da dran, der macht keine Ausnahmen, der ist einer, der jeden Witz meldet, wie die Leute sagen. Hier auf dem Land sind die meisten 50%ig. Sie jubeln eifrig mit, drücken aber auch mal ein Auge zu, meckern über die Parteibonzen in Remscheid, amüsieren sich über die Goldfasane aus Wuppertal und bringen die eigenen Schäfchen ins Trockene.

Doch an Lehrer Schulz ist noch etwas Zweites: Er verprügelt seine Schüler, mit Lust, immer wieder. Er prügelt mit dem Stock, aber auch mit der bloßen Hand, manchmal sogar ins Gesicht, wie die Leute sagen, und den Mädchen schlägt er auf die Handflächen. Der 10jährige Sohn von Franz Mebus musste erst letzte Woche wieder dran glauben. Jeder muss reihum mal dran glauben, wie die Leute sagen.

Lehrer Schulz merkt die feindselige Atmosphäre, trinkt schnell ein kleines Bier, zahlt und geht. Franz Mebus trinkt sein Bier aus. Dann stellt er es auf den Tisch. Nein, er knallt es eigentlich eher, mit viel Kraft und fester Hand. Sein Bruder sieht auf die weißen Fingerknöchel, dann schaut er ihn an. Mir reicht es jetzt, meint Franz Mebus.

Er späht durch das Fenster, Lehrer Schulz nimmt den Feldweg Richtung Döllersweger Hof. Die Brüder nicken, Milli, pass du mal auf die Hunde auf, wir kommen gleich wieder. Sie kennen eine Abkürzung, sie beginnen zu laufen. Bald sind sie in dem kleinen Waldstück zwischen Oberwinkelhausen und dem Döllersweger Hof, noch vor Lehrer Schulz.

Es passiert direkt an der Autobahnbrücke. Dunkel, unerkannt, unhörbar, der Lärm der Militärtransporter übertönt alles. Es dauert nicht lang. Lehrer Schulz feiert ein paar Tage krank, erzählt rum, dass er betrunken die Brücke verfehlt hat und den langen Abhang bis zu den Leitplanken hinunter gepurzelt ist. Das Prügeln ist seitdem weniger geworden, viel weniger, wie die Leute sagen.

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