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Herr Habermann

Herr Habermann kam einmal im Quartal. Ein Vertreter für Bürsten und andere Kurzwaren, wie mir Großmutter jedes Mal erklärte. Herr Habermann kam zu Fuß. Zwar hatten viele Leute kein Auto, aber trotzdem war ein Vertreter zu Fuß etwas Ungewöhnliches. Er trug seinen großen Musterkoffer an einem Lederband auf dem Rücken. Herr Habermann sah damit immer ein wenig aus wie jemand, der gerade einen Schrank transportiert. So lief er den ganzen Tag durch die Straßen und verkaufte Bürsten.

Herr Habermann besuchte uns meistens in der Mittagszeit. Wenn ich aus der Schule kam, saß er im Wohnzimmer, den Musterkoffer geöffnet auf dem Boden, ein paar Bürsten und vielleicht einen Handfeger heraus kramend. Später legte er seine Brotbüchse aus Blech auf den Tisch. Er hatte immer nur ein paar einfache Graubrote dabei, hälftig um etwas Käse oder Wurst gelegt. Er aß langsam und wirkte dabei wie jemand, der sich zum Essen zwingen muss.

Herr Habermann war ein sehr schmaler Mann mit dem dunkelsten Gesicht und den dunkelsten Händen, die ich bis dahin gesehen hatte; ein wenig ledrig wirkend, mit vielen noch dunkleren, fast schwarzen Punkten. “Das kommt von der Sonne”, erklärte er mir auf meine neugierige Frage. “Ich bin immer viel in der Sonne.” Sein dunkelgrauer Anzug war ihm zu groß. An den Schultern stand er ein wenig ab, so dass er oft daran nestelte und ihn wieder nach unten zog.

Meine Großmutter erinnerte die ganze Familie regelmäßig daran, keinesfalls Bürsten, Wischmops, Aufnehmer, Schrubber, Handfeger und Besen in irgendeinem Geschäft zu kaufen – unter keinen Umständen. “Das kaufe ich nur bei Herrn Habermann”, versicherte sie dann jedes Mal. Eines Tages hörte ich zufällig, wie sie mit der Nachbarin sprach: “Wir haben eigentlich genug Putzzeug, aber er tut mir immer so leid. Und 10 Mark geschenkt will er auch nicht.”

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