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Deutsche Novellen

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“Roman” — welch ein böses Wort. Mit Bedeutung getränkt, vollgesogen mit der Schwere ganzer Bibliotheken, ist es ein altes Wort mit einer langen Begriffsgeschichte. Unmöglich, eine gültige, alle Facetten ausschöpfende Definition zu geben. Doch gerade die Offenheit des Begriffs ist seine Hauptbedeutung. Denn inzwischen ist er gängige Gattungsbezeichnung für jede Art von Prosa. Praktisch alles kann ein Roman sein; angefangen bei ein paar hundert Zeilen Blocksatz (Flattersatz wäre Lyrik) bis hin zu einem mehrtausendseitigen Weltdarstellungsmonster.

Viele heutige Autoren allerdings bleiben unter 200 Seiten. Diese moderne Form des Kurzromans passt zu den Zeitumständen. Die sind so wenig in Worte zu fassen, dass meist nur ein paar fadenscheinige Floskeln fallen. “Globalisierung.” — “Innovation.” — “Dynamik.” — “Optimierung.” Alles muss jetzt effizienter werden: Die Arbeit wird schneller. Die Schüler werden schneller. Die Freizeit wird schneller. Der Filmschnitt wird schneller. Die Menschen gehen schneller durch die Städte. Sie reden schneller, atemloser.

Niemand hat mehr Zeit für Muße; eigentlich hat sogar niemand mehr Zeit für Zeit. Wer überhaupt noch liest, möchte etwas schaffen, sich nach zwei oder drei Tagen dem beruhigten Gefühl hingeben, etwas für die Kultur getan zu haben. “Wunderbar. Herrlich. Diese Woche habe ich einen Roman gelesen.” Wie klingt das? Ganz genau: Das klingt hip, gebildet, umfassend interessiert, weltläufig organisiert und literarisch versiert.

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