<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Denkschriften</title>
	<atom:link href="http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blog.denkschriften.de</link>
	<description>Notizen zu Kultur und Geist</description>
	<lastBuildDate>Tue, 09 Feb 2010 07:42:31 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Herr Böhmer</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=328</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=328#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 27 Jan 2010 20:34:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Erzählung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=328</guid>
		<description><![CDATA[Er sah distanziert aus und oft auch ein wenig einsam, dort oben auf seiner Bühne. Das leicht grünlich schimmernde Panzerglas verstärkte diesen Eindruck noch. Der gesamte Bereich dahinter war auf ein Podest gestellt. So konnten die Kassierer im Sitzen arbeiten und blieben trotzdem mit dem Publikum in Augenkontakt. Sie wirkten würdevoll und streng, die dicke [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er sah distanziert aus und oft auch ein wenig einsam, dort oben auf seiner Bühne. Das leicht grünlich schimmernde Panzerglas verstärkte diesen Eindruck noch. Der gesamte Bereich dahinter war auf ein Podest gestellt. So konnten die Kassierer im Sitzen arbeiten und blieben trotzdem mit dem Publikum in Augenkontakt. Sie wirkten würdevoll und streng, die dicke Scheibe dämpfte ihre Stimmen. Dies übertrug sich auch auf die Besucher, die sofort auf eine zurückgenommene Weise zu sprechen begannen, wenn sie an die Scheibe traten.<span id="more-328"></span></p>
<p>Die andere Seite wirkte wie eine von den normalen Menschen getrennte Zone. Herr Böhmer gehörte zu dieser anderen Seite. Er war ein groß gewachsener, etwas schmal wirkender Mann, der sich betont gerade hielt und zum unscheinbar dunklen Anzug eine unauffällig gemusterte Krawatte trug. Nur selten kam er an die Trennscheibe und redete mit einem der Besucher. Meist saß er, über einen Aktenordner oder einen Stapel Papier gebeugt, einen Stift rasch über das Papier führend, seitlich zum Publikum.</p>
<p>Herr Böhmer war der Zweigstellenleiter der Sparkasse. Er gebot über drei Schalter und zwei Mitarbeiter, einen Tresor und eine Maschine zum Geldzählen. Meist erfüllte das Gerät seine Aufgabe in einem nicht einsehbaren Hinterzimmer. Doch einmal im Jahr holte Herr Böhmer die Geldmaschine nach vorne. Dann stellte er das rundliche Ding aus Grauguss und blau schimmerndem Hammerschlag gut sichtbar auf den dritten Schalter. Nur an diesem Tag war der Schalter offen, es war der Weltspartag und nur an diesem Tag trat Herr Böhmer nach vorne und bediente.</p>
<p>Die Maschine bestand aus einem großen Kasten mit einem eckigen Trichter auf der Oberseite. Hier hinein schüttete Herr Böhmer den Inhalt der Kinderspardosen, drückte auf einen Knopf und es begann zu rasseln und zu klirren. Eine ganze Zeit lang  schepperte die Maschine vor sich hin, sortierte die Münzen nach Größe und zählte sie dabei. Die Anzahl der Münzen jeder Sorte war an kleinen Zählwerken abzulesen. Damit konnte Herr Böhmer schnell feststellen, welche Zahlen er in die dünnen blauen Sparbücher eintragen musste.</p>
<p>Die Beträge, die er mit einem sehr spitz wirkenden Stift niederschreib, waren nicht besonders groß. Wenn eine Spardose einmal vierzig oder fünfzig Mark enthielt, sprach sich das sofort in der Schlange der Kinder herum. Die meisten hatten nur rund zwanzig Mark, ein paar Mark vom Geburtstag, ein paar Mark von Weihnachten und die Groschen, die Großeltern, Tanten und Onkel zwischendurch schenkten. Trotzdem wirkte Herr Böhmer bei dieser Aufgabe genauso ernst und geschäftsmäßig wie beim Schreiben seiner Akten.</p>
<p>Eines Tages, ein paar Wochen nach meiner Konfirmation, hob ich die 180 Mark auf dem Sparbuch ab. Zusammen mit den etwas über 800 Mark von meiner Konfirmation ergab das ziemlich genau den Preis einer Kompaktstereoanlage. Seitdem habe ich auf das Sparbuch nie wieder etwas eingezahlt.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=328</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Gartenmöbel werden umgeworfen</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=448</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=448#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 31 Oct 2009 19:17:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Beaufort]]></category>
		<category><![CDATA[Wind]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=448</guid>
		<description><![CDATA[







keine luftbewegung
rauch steigt
senkrecht empor
kaum merklich
rauch treibt
leicht ab
windflügel &#38; windfahnen
unbewegt
blätter rascheln
wind im gesicht
spürbar



Drei irreguläre Haikus aus einem Zyklus über den Wind? Nein, das modern wirkende Gedicht ist eine leicht verfremdete und anders umbrochene, aber wörtliche Wiedergabe der ersten drei Stufen der Beaufortskala der Windstärken. Sie liest sich wie ein Naturgedicht. Doch sie ist mehr; eine Art [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<table style="width: 100%;" border="0">
<tbody>
<tr>
<td height="14px"></td>
<td height="14px"></td>
<td height="14px"></td>
</tr>
<tr>
<td width="25%" valign="top"><span style="font-size: small;"><span style="font-family: arial,helvetica,sans-serif;">keine luftbewegung<br />
rauch</span></span> <span style="font-size: small;"><span style="font-family: arial,helvetica,sans-serif;">steigt<br />
senkrecht</span></span> <span style="font-size: small;"><span style="font-family: arial,helvetica,sans-serif;">empor</span></span></td>
<td width="30%" valign="top"><span style="font-size: small;"><span style="font-family: arial,helvetica,sans-serif;">kaum merklich<br />
rauch treibt<br />
leicht ab<br />
windflügel &amp; windfahnen<br />
unbewegt</span></span></td>
<td width="45%" valign="top"><span style="font-size: small;"><span style="font-family: arial,helvetica,sans-serif;">blätter rascheln<br />
wind im gesicht<br />
spürbar</span></span></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><span id="more-448"></span>Drei irreguläre Haikus aus einem Zyklus über den Wind? Nein, das modern wirkende Gedicht ist eine leicht verfremdete und anders umbrochene, aber wörtliche Wiedergabe der ersten drei Stufen der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Beaufortskala#Beaufort-Skala_nach_ph.C3.A4nomenologischen_Kriterien" target="_blank">Beaufortskala </a>der Windstärken. Sie liest sich wie ein Naturgedicht. Doch sie ist mehr; eine Art Lyrik, von der Natur selbst geschrieben.</p>
<p>Die Beaufortskala ist das Ergebnis einer jahrhunderte dauernden, auf Erfahrung basierenden Auseinandersetzung mit den Kräften der Atmosphäre. Sie ist keine mathematisch normierte, nur über den Umweg eines Instruments messbare und lesbare Festlegung.</p>
<p>Sie ist ein phänomenologisches Analyseschema, das durch genaues, aufmerksames Beobachten der Wirklichkeit gewonnen wurde. Zugleich kann die Skala nur durch genaues, aufmerksames Beobachten der Wirklichkeit angewandt werden. Sie hilft einem guten Beobachter, die Stärke des Windes an den Ereignissen in seiner Umgebung abzulesen.</p>
<p>Zum Beispiel Francis Beaufort (1774-1857). Als Fünfzehnjähriger verließ er England und fuhr zur See. Er wurde in Gefechten mit Feinden und Piraten verwundet, stieg zum Commander auf und schließlich zum leitenden Vermessungsingenieur der britischen Admiralität.</p>
<p>Seine Profession war die genaue Beobachtung, das Reisen und Entdecken, das Umherwandern und Schauen, das Aufzeichnen und Abbilden. So beobachte er auch den Wind und seine Wirkungen an Land und auf See. Er gilt als Erfinder der Skala, die deshalb nach ihm benannt wurde. Doch das stimmt nicht ganz. Er war nichts weiter als ein Riese auf den Schultern von Riesen.</p>
<p>Die Grundlage der Windstärkenskala ist die Beobachtung, das bestimmte Windstärken ähnliche Auswirkungen haben. So ist zum Beispiel eine recht kräftige Brise nötig, um größere Zweige von Bäumen zu bewegen. Ein schwächerer Wind schafft dies nicht, bei einem noch stärkeren Wind bewegen sich sogar große Äste. Schon früh setzten die Versuche ein, solche Beobachtungen zu vereinheitlichen und damit ein Schema zu bilden.</p>
<p>Beaufort hatte die von anderen geschaffenen Fundamente systematisch ausgebaut und die aus verschiedenen Vorläuferstadien verknüpfte Skala erfolgreich auf seinen Reisen eingesetzt. Während seiner Amtszeit als Vermessungsingenieur setzte sie sich durch und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in der aktuell überlieferten Form definiert. Es gab seitdem nur wenige Änderungen, unter anderem die Aufnahme der Formulierungen &#8220;Gartenmöbel werden umgeworfen&#8221; und &#8220;Gartenmöbel werden weggeweht&#8221;, die veränderte kulturelle Praktiken widerspiegeln.</p>
<p>Scott Huler hat die Geschichte von Sir Francis Beaufort, seiner Vorläufer und ihrer Windstärkenskala zu einem hochinteressanten und leicht lesbaren Sachbuch verarbeitet.</p>
<address>Scott Huler: Die Sprache des Windes.<br />
Wie ein Admiral aus dem 19. Jahrhundert Wissenschaft in Poesie verwandelte.<br />
Mare Verlag 2009. 368 S., 23,- EUR<br />
ISBN 3866481144</address>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=448</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wagnis und Charakter</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=436</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=436#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 20 Oct 2009 21:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=436</guid>
		<description><![CDATA[Diese Männer bedürfen keines Extremsports. Sie können Grenzen ausloten, Räume erobern und neue Wege beschreiten. Sie sind Entdecker und Eroberer. Robert Edwin Peary (1856-1920) bereiste in großen Expeditionen Grönland und die Arktis. Frederick Albert Cook (1865-1940) war Expeditionsarzt auf Entdeckungsreisen nach Grönland, die Arktis und Antarktis und bestieg den Mount McKinley in Alaska.
Beide gaben an, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Diese Männer bedürfen keines Extremsports. Sie können Grenzen ausloten, Räume erobern und neue Wege beschreiten. Sie sind Entdecker und Eroberer. Robert Edwin Peary (1856-1920) bereiste in großen Expeditionen Grönland und die Arktis. Frederick Albert Cook (1865-1940) war Expeditionsarzt auf Entdeckungsreisen nach Grönland, die Arktis und Antarktis und bestieg den Mount McKinley in Alaska.</p>
<p><span id="more-436"></span>Beide gaben an, den Nordpol erobert zu haben &#8212; Cook am 21. April 1908, Peary am 6. April 1909. Das Buch über diese beiden Männer legt den Schwerpunkt aber nicht auf das Entdecken und Erobern, sondern &#8212; ganz wie es unserer  antiheldischen Gegenwart entspricht &#8212; auf den  Charakter der Personen und seine Folgen für ihr Leben. Es handelt sich hier um die Geschichte eines brennenden, süchtig machenden Ehrgeizes.</p>
<p>Der Untertitel des Buches zeigt es schon: Der Autor ist parteiisch und schlägt sich auf die Seite von Cook. Er ist hier beinahe eine Lichtgestalt, die sich wirklich für die Kultur der Inuit interessiert und deren Sprache lernt. Peary dagegen ist ein zynisches Arschloch, der eine Eskimofrau schwängert und sich dann weder um die Frau noch um die Kinder kümmert. Cooks Ehrgeiz wirkt charmant und lausbubenhaft, während Peary als Über-Egomane ohne Über-Ich erscheint.</p>
<p>Es war wohl wirklich so:  Cook war der Außenseiter, der sich gerne als Ethnologe und Entdecker auf den Spuren der Reisenden des 17. und 18. Jahrhunderts sah. Peary dagegen hatte die Situation besser verstanden; es ging nur um den Erfolg, um nichts anderes. Und wenn einem jemand anderes den Erfolg streitig machen will, muss man mit einer Medienkampagne reagieren. Heute geht man davon aus, dass weder Cook noch Peary den Nordpol erreicht haben; dass Cook aber tatsächlich bis weit in den Norden hinauf kam, Peary hingegen nicht.</p>
<p>Beide wollten aber genau diese Eroberung erzwingen, um beinahe jeden Preis. Damals gab es nicht mehr viel zu erobern und zu entdecken. Wer etwas erreichen will und nicht kann &#8212; von den Umständen, durch den Zufall daran gehindert &#8212; der ist leicht in Versuchung zu mogeln. Cook zum Beispiel war vielleicht nie auf dem Mount McKinley, denn das Gipfelfoto zeigt eine andere Bergspitze. Doch möglicherweise wollte er auch bloß die Medien bedienen. Sie waren schon vor hundert Jahren eine allesfressende Aufmerksamkeitsmaschine. Wenn das echte Foto nichts geworden ist, dann schießt man eben ein anderes &#8212; Hauptsache, die Schlagzeile stimmt und der Ruhm kommt.</p>
<p>Peary wusste dies genau und nutzte diese Episode, um Cooks Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Und es wirkte. Erst heute, 100 Jahre später, ist deutlich, dass es sich um eine tragische Geschichte handelt. Cook und Peary setzten ihr Leben und das ihrer Mitstreiter aufs Spiel. Doch am Ende, kurz vor dem Nordpol, gingen sie alleine, nur begleitet von Inuit in Richtung Ziel. Um den Ruhm nicht teilen zu müssen? Um nicht kontrolliert zu werden? Den Inuit bedeutete der Sieg nichts. Für Cook und Peary aber war er alles.  Ruhm, Erfolg, Aufmerksamkeit und natürlich Reichtum.</p>
<address>Johannes Zeilinger: Auf brüchigem Eis.<br />
Frederick A. Cook und die Eroberung des Nordpols.<br />
Matthes &amp; Seitz 2009. 352 S., 26,90 EUR<br />
ISBN 3882217464</address>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=436</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Weitergehen</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=420</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=420#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 04 Sep 2009 19:52:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Bernhard]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=420</guid>
		<description><![CDATA[


&#160;&#8220;Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler. Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht, auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<table style="width: 100%; font-style: italic;" border="0" cellspacing="5">
<tbody>
<tr valign="top">
<td style="width: 50%;">&nbsp;<br / >&#8220;Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler. Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht, auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinaufgekommen ist.&#8221;</td>
<td style="width: 50%;">&nbsp;<br / >&#8220;Während ich, bevor Bojana vom Clubben genug hatte, nur am Samstag mit Milica ausgegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Bojana vom Clubben genug hat, auch am Sonntag mit Milica aus. Weil Bojana am Sonntag mit mir ausgegangen ist, gehst du jetzt, nachdem Bojana am Sonntag nicht mehr mit mir ausgeht, auch am Sonntag mit mir aus, sagt Milica, nachdem Bojana jetzt genug hat und vor der Glotze klebt.&#8221;</td>
</tr>
<tr valign="top">
<td style="width: 50%;">Thomas Bernhard, Gehen</td>
<td style="width: 50%;">Barbi Markovic, Ausgehen</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Der linke Text sind die ersten Zeilen des klassischen Bernhard-Textes &#8220;Gehen&#8221;, der als Einstiegsdroge zum lauten Vorlesen empfohlen sei. Der rechte Text sind die ersten Zeilen von &#8220;Ausgehen&#8221;, der respektvoll-frechen Verbeugung einer Germanistikstudentin aus Serbien vor &#8220;Gehen&#8221; und dem Textuniversum Thomas Bernhards; er ist aber auch eine Geschichte und Erzählung sui generis über die Welt der Nachtmenschen und Ausgeher.</p>
<address>Barbara Markovic<br />
Ausgehen<br />
Frankfurt: Suhrkamp 2009<br />
96 Seiten, EUR 12,-<br />
</address>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=420</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Unendliche Freude</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=399</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=399#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 04 Sep 2009 19:27:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[David Foster Wallace]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=399</guid>
		<description><![CDATA[Die Monster der Weltliteratur enthalten in ihren Titeln oft einen ironischen Wink für den Leser. &#8220;Fluss ohne Ufer&#8221; von Hanns Henny Jahnn? Dort bin ich nach gut elfhundert Seiten abgesoffen, ohne Land in Sicht. &#8220;Zettel&#8217;s Traum&#8221; von Arno Schmidt? Der Versuch, mehr als ein paar Seiten zu dechiffrieren, verschaffte mir Albträume.  &#8220;Dessen Sprache du nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Monster der Weltliteratur enthalten in ihren Titeln oft einen ironischen Wink für den Leser. &#8220;Fluss ohne Ufer&#8221; von Hanns Henny Jahnn? Dort bin ich nach gut elfhundert Seiten abgesoffen, ohne Land in Sicht. &#8220;Zettel&#8217;s Traum&#8221; von Arno Schmidt? Der Versuch, mehr als ein paar Seiten zu dechiffrieren, verschaffte mir Albträume.  &#8220;Dessen Sprache du nicht verstehst&#8221; von Marianne Fritz? Die Erinnerung an das mühsame Entziffern einer Sprache, die nicht von dieser Welt stammt.<span id="more-399"></span></p>
<p>Es sind alles Gebirgsmassive eines Kunstwillens, der zu eigentlich vollkommen unlesbaren Büchern führt &#8212; jedenfalls, was uns normalsterbliche Leser angeht. Umberto Eco hat einmal gesagt, dass &#8220;Finnegans Wake &#8221; von James Joyce einen idealen Leser mit einer idealen Schlaflosigkeit erfordert. Ähnlich geht es den Lesern von &#8220;The Making of Americans&#8221; von Gertrude Stein, dessen Monotonie und Monomanie nur von einem vollkommen bedürfnislosen Leser auszuhalten sind.</p>
<p>Welcher Leser bewältigt das neueste Massiv der Literatur, &#8220;Unendlicher Spaß&#8221; (Infinete Jest) von David Foster Wallace? Der Übersetzer Ulrich Blumenbach hat es nicht nur bewältigt, sondern sogar in ein interessantes und elastisches Deutsch übertragen; vorausgesetzt, die wenigen, neugierig von mir angelesen Seiten sind repräsentativ für die restlichen 1600.</p>
<p>Ich werde das Buch wohl vorläufig nicht lesen, denn ich habe ja auch noch DFWs Debütroman &#8220;Der Besen im System&#8221; (The Broom of the System) vor mir. Als er ultrapreiswert im Modernen Antiquariat angeboten wurde, konnte ich nicht daran vorbei gehen; ebensowenig wie an &#8220;Unendlicher Spaß&#8221;, das ich im Grunde nur gekauft habe, um das buchbinderische Wunder eines 1600-Seiters mit Dünndruckpapier und Fadenbindung in den eigenen Händen halten zu dürfen &#8212; und um auch dieses literarische Monster zu besitzen, denn es fehlte mir noch in der Sammlung, und es hat jetzt einen Ehrenplatz irgendwo nach Wake und Zettel.</p>
<p>Wirklich geliebt habe ich die Kurzgeschichten aus den ersten beiden Erzählbänden mit den genial-schrulligen Titeln &#8220;Kleines Mädchen mit komischen Haaren&#8221; und &#8220;Kurze Interviews mit fiesen Männern&#8221;. Allerdings halte ich nicht alle der in diesen beiden Bänden abgedruckten Stories für wirklich gut. Ich finde DFW dort am besten, wo er wie in den titelgebenden Stories schräge Geschichten runterrappt, ohne konzeptionellen Ballast, ohne sich groß an literarische Konventionen zu halten &#8212; Geschichten ohne rechten Beginn, mit haltloser Mitte und einem haarsträubenden, im ungefähren und chaotischen auslaufenden Schluss &#8212; also grandioses Zeug für echte Freaks.</p>
<p>Ich habe den Eindruck, so ließe sich auch Infinite Jest beschreiben.</p>
<address>David Foster Wallace<br />
Unendlicher Spaß &#8211; Infinite Jest. Roman<br />
Übersetzt von Ulrich Blumenbach<br />
Köln: Kiepenheuer &amp; Witsch 2009<br />
1648 Seiten, EUR 39,95</address>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=399</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Tiere in der Stadt</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=329</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=329#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 01 Aug 2009 11:23:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=329</guid>
		<description><![CDATA[Natürlich die Schmeißfliegen. Große, summende Aliens, wie schwarze Löcher im Zwielicht der Wohnung. Sie rauschen durch die Zimmer, immer an den Wänden entlang, im oberen Drittel der Zimmerhöhe, auf der Suche nach Aas. Finden sie nichts, schwingen sie ihre plumpen Körper brummend durch die Zimmer, hin und her, vor und zurück, und wieder zu den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Natürlich die Schmeißfliegen. Große, summende Aliens, wie schwarze Löcher im Zwielicht der Wohnung. Sie rauschen durch die Zimmer, immer an den Wänden entlang, im oberen Drittel der Zimmerhöhe, auf der Suche nach Aas. Finden sie nichts, schwingen sie ihre plumpen Körper brummend durch die Zimmer, hin und her, vor und zurück, und wieder zu den offenen Fenstern hinaus.<span id="more-329"></span></p>
<p>Tiere in der Stadt sind anders. Sie leben anders. Sie verhalten sich anders. Es sind nicht die Tiere des Landes. Sie haben weniger Scheu vor dem Menschen. Sie passen sich an. Singvögel verlegen ihren Gesang in die Zeit weit vor dem Sonnenaufgang. Oder sie singen lauter. Die Karnickel auf den Wiesen lassen sich kaum durch den nächtlichen Lärm der Betrunkenen stören und hoppeln verspielt über das Gras. Füchse schnüren frühmorgens zwischen übernächtigten Clubbern quer über die großen Plätze der Stadt, ihre Beute im Maul. Es gibt hier keine Jäger, nur Menschen, die seltsamen Ritualen folgen.</p>
<p>In meiner ersten Kölner Wohnung hatte ich den Schreibtisch so gestellt, dass ich das große Fenster und die Balkontüre im Blick hatte. Einmal schaute ich vom Computer auf und mein Blick traf sich mit dem einer Taube. Schwer zu sagen, wer überraschter war; aber wir beide taten so, als sei nichts passiert. Ich hoffte, dass sie nicht in Panik geriet und den Teppich verdreckte. Sie hoffte wohl, unauffällig fliehen zu können, denn sie zockelte sehr gemächlich, in einem leichten Zickzackkurs und unterdrückt gurrend, in Richtig Balkontüre. Dann hüpfte sie ins Freie.</p>
<p>Die meisten Tiere, die sich in unsere Wohnungen verirren, sind froh, wieder hinaus zu dürfen. Es ist immer ein Moment des Befremdens, wenn sich Tier und Mensch im privaten Refugium des Menschen begegnen. Wir halten kurz inne, stutzen, warten vielleicht auf einen Angriff. Das hat nichts mit der Größe des Tieres zu tun, eher mit seinem guten oder schlechten Ruf.</p>
<p>Mäuse sind bei mir häufig zu Gast gewesen. Einmal stand eine graue Hausmaus vor meinen Bücherregalen und putzte sich. Es war still in der Wohnung an diesem frühen Sonntagmorgen. Langsam ging ich näher. Sie stoppte das Säubern ihrer Schnute. Zwei glänzende Knopfaugen blickten mich direkt an. Dann tippelte sie ohne Eile zu einer Lücke zwischen den Regalen. Ich habe sie nie wieder gesehen; auch eine Schnappfalle mit Speck konnte sie nicht locken.</p>
<p>Wenn wir Menschen genervt und frustriert sind, halten wir die Städte für unwirtlich und wüst. Doch Tiere finden dort mehr Abwechslung als in den monotonen Kulturlandschaften mit ihren Quadratkilometern immergleicher Pflanzen. Sie finden hier viele gute Verstecke, im Winter friert es nur selten und Nahrung gibt es im Überfluss: Die Pflanzenfresser erfreuen sich an unserem Müll, die Fleischfresser an den Pflanzenfressern und die Aasvertilger sind ohnehin im Schlaraffenland.</p>
<p>Geflatter im Halbdunkel über mir. Ein Geräusch, ein bißchen wie zwei Lappen, die aneinander klatschen. Ich richtete mich auf, etwas näherte sich meinen Gesicht und flog eine Kurve um meinen Kopf herum. Ich spürte einen Luftzug in den Haaren und wußte, dass eine Fledermaus ein waghalsiges Flugmanöver machte; vielleicht, um einen Nachtfalter zu erwischen, dem sie auf der Flucht in meine Wohnung gefolgt war. Dann steuerte sie das Fenster an und verschwand durch das weit geöffnete Oberlicht in die Nacht.</p>
<p>Es ist eine ökologische Ironie, dass der Mensch so verschwenderisch ist und unendlich viele Abfälle hinterläßt. Damit lädt er allerlei Kulturfolger an einen reich gedeckten Tisch. Zum Beispiel Berlin: Die Stadtverwaltung hat kein Geld mehr, um die großen Parks aufzuräumen. Nun leben dort 8.000 Wildschweine, die reichlich Nahrung auf den Liegewiesen und unter den Parkbäumen finden.</p>
<p>Das Elsternpärchen im Hinterhof war unzertrennlich. Gemeinsam stapften sie über das Flachdach gegenüber, im bemoosten Kies pickend und scharrend. Sie haben dort Nahrungsspeicher für den Winter angelegt, denn der Kies ist leicht zu ergraben und das Moos kann ohne Probleme als Sichtschutz darüber gelegt werden. Manchmal saßen sie nebeneinander auf dem Rand der Einfassung und schauten den Menschen in die Fenster.</p>
<p>Wildtiere sind meist ungefährlich. Obwohl sie in einer vom Menschen künstlich hergestellten Umwelt leben, verhalten sich die Tiere in der Stadt ganz natürlich &#8212; wir sind weder Beute noch Rivale und werden nicht angegriffen.  Gefährlich dagegen sind die roboterhaften Großhunde, die von ihren Besitzern in Sklaverei gehalten werden. Gerade sie leben unter unnatürlichen und krankhaften Umständen.</p>
<p>Allerdings sind Tauben wirklich die Ratten der Lüfte. Als ich meine erste Wohnung in Köln suchte, war es noch üblich, sich Freitagabends vor die Auslieferung des Stadtanzeigers zu stellen, eine Ausgabe zu ergattern, hektisch darin zu blättern und dann mit einer passenden Anzeige zu einer freien Telefonzelle zu stürmen. Einmal stand ich in der Schlange vor dem großen Tor am Verlagsgebäude, als ich plötzlich ein Patschen hörte. Eine Taube war tot vom Dach gekippt und mir vor die Füße gefallen.</p>
<p>Die Stadt bevorzugt die Siegertypen unter den Tieren, die Anpassungsfähigen, die Gewitzten. Spezialisten kommen in der Stadt nicht klar. Je größer die ökologische Nische, desto besser. Füchse und Waschbären sind Allesfresser und wie geschaffen für die Stadt. Ratten sind schlau und passen sich beinahe jedem Lebensraum an. Wanderfalken können überall jagen und schnappen sich Tauben oder Dohlen aus der Luft. Die Stadt hat für jeden etwas.</p>
<p>Eines Nachts hörte ich es im Wohnzimmer rascheln und knirschen. Ich blickte mich suchend um. Schließlich fand ich sie, eine blaugrün schillernde Mosaikjungfer, verfangen zwischen den Zugleinen des Stoffrollos vor dem leicht geöffneten Fenster. Ich ruckelte vorsichtig an den Zugleinen, bis die Libelle ihre Beine lösen konnte. Dann zog ich das Rollo hoch, öffnete das Fenster weit und löschte das Licht. Nach einiger Zeit schraubte sie sich leise knarrend in die Luft. Umherschweifen, Beute machen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=329</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mein zweites Leben</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=317</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=317#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 19 Jul 2009 18:35:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=317</guid>
		<description><![CDATA[Ich war einen kurzen Moment verblüfft. Ich hätte nie gedacht, dass es sich so seltsam anfühlen würde. Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte mehr erwartet. Etwas stärkeres. Wie ein Schlag mit der Peitsche. Oder wie ein Elektroschock. Auf jeden Fall mehr Schmerz und mehr Kälte.
Die Oberfläche krümmte sich von mir weg. Sie war glatt, beinahe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich war einen kurzen Moment verblüfft. Ich hätte nie gedacht, dass es sich so seltsam anfühlen würde. Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte mehr erwartet. Etwas stärkeres. Wie ein Schlag mit der Peitsche. Oder wie ein Elektroschock. Auf jeden Fall mehr Schmerz und mehr Kälte.<span id="more-317"></span></p>
<p>Die Oberfläche krümmte sich von mir weg. Sie war glatt, beinahe poliert und mit kleinen Schaumflocken bedeckt. Seltsam. Ein stürmisches Meer sollte wirbelig und wild bewegt sein. Doch es sah ruhig aus. Gewaltig. Imposant. In einer weit ausholenden Bewegung erfasste es mich und drückte mich nach unten. Die polierte Fläche wölbte sich jetzt langsam zu mir hin.</p>
<p>Dann war plötzlich überall Wasser. Als es mich ganz umschloss, war es ein hartes, raues Gehäuse, das sich an meinen Körper schmiegte. Langsam aber stetig kroch eine ungewisse, drängende Kraft meine Arme und Beine hinauf. Eine Bestie, die sich langsam die Glieder hinauf arbeitet. Die sich mit ihrem ringförmigen, muskulösen Körper immer höher schiebt.</p>
<p>Meine Augen waren fest geschlossen. Eine unwillkürliche Reaktion, ein Reflex derjenigen Teile meines Gehirns, die auf Gefahr reagieren. Wo war ich? Ich öffnete die Lider und sah eine graue, unscharf wirkende, leicht wabernde Masse direkt vor mir. Es war nicht besonders hell, das Wasser um mich herum.</p>
<p>Wir waren bei Windstärke 8 auf diesen Ausflugsdampfer gegangen. Ich hatte mich in eine dieser verglasten Aussichtskanzeln gestellt, ganz weit vorne. Ich hatte das Meer dabei beobachtet, wie es sich immer wieder öffnete und den Bug des Schiffes verschluckte und ausspuckte und sich darin verbiß und ihn doch wieder freigab.</p>
<p>Ich war allein. Ich hielt mich mit einer Hand an einem Haltegriff fest, mit der anderen balancierte ich das kräftige Aufbäumen des Schiffes aus. Plötzlich griff der Ozean nach mir. Er zerdrückte die Glasfront wie hauchdünne Folie, packte mich und saugte mich aus dem Schiff heraus. Er wirbelte mich herum, zerrte und riss an mir. Mit Schwung trieb er mich durch den Schaum aus Wasser und Luft und tauchte mich in die Tiefe.</p>
<p>Schwimmen dürfte wohl nichts bewirken, dachte ich. Mir nicht einmal klar, wohin ich schwimmen sollte. War mein Kopf oben? Unten? Zeigte er überhaupt in eine bestimmte Richtung? Vielleicht trudelte ich ja wie ein leckgeschlagenes U-Boot immer weiter in die Tiefe? Ich überlegte. Die Oberfläche ist da, wo es am hellsten ist. Orientiere dich am Licht.</p>
<p>Meine Beine fingen sofort an, im Wasser zu stampfen, um nach oben zu kommen. Jede Bewegung schmerzte. Die Muskeln waren schon stark unterkühlt. Das würde ich sicher nicht lange durchhalten, überlegte ich und hörte mit allen Bewegungen auf.</p>
<p>In diesem Moment durchbrach ich die Oberfläche. Mein Mund öffnete sich weit und ich saugte Luft an. Mehr Luft. Viel mehr Luft. Ich zwang meine Augenlider auseinander. Ein Gefühl, als würde mir Sand auf die Augen geblasen. Wieder diese polierte Fläche, sanft gebogen, kaum bewegt. Eine hügelige Landschaft, in der sich Wolken und Himmel spiegeln. Einladend, ein Bett aus schmutziggrünem Polsterstoff.</p>
<p>Solaris. Das Buch. So wie mein Blick auf das Meer muss die Selbstwahrnehmung der Ozeanlebensform gewesen sein. Und dann dieser Einbruch des Menschen in eine sich selbst genügende Intelligenz. Die irritierende Erfahrung, nicht mehr allein zu sein und die verblüffte Erkenntnis, sich in anderen Wesen spiegeln zu können. Ausgerechnet Menschen, diese irrationalen Wesen, die sich für den Nabel des Universums halten.</p>
<p>Völlig abseitige Gedanken. Müsste ich nicht mein Leben bilanzieren? Jetzt, ein paar Augenblicke vor dem Tod? Oder werde ich mein Leben einfach so verlassen, wie einen Raum, der nicht mehr benutzt wird? Ohne zurück zu blicken?</p>
<p>Das graugelbe Wasser umspülte mich wieder. Ich trat mit den Beinen. Ich konnte sie kaum bewegen. Ich schien in einer sehr zähen Masse zu stecken. Ein kühler Morast. Wie Honig. Oder wie Pudding. Ein Sumpf aus Kälte. Sie kroch langsam meinen Körper hinauf. Ich bekam Panik. Ich strengte mich mehr an. Zwecklos.</p>
<p>Ich wollte atmen, doch dann begriff ich, das ich unter Wasser war. Wenn ich jetzt einatme, füllt sich meine Lunge mit kaltem, salzigen Wasser, dachte ich. Das werde ich nicht überleben.</p>
<p>Ich konnte noch nie lange die Luft anhalten, weder als Kind noch später. Vielleicht eine Minute, vielleicht eine halbe Minute länger. Dann dieser Drang, Luft zu holen, immer stärker, nicht mehr zu unterdrücken. Irgendwann reiße ich den Mund auf und mache diese typische, ausholende Pumpbewegung mit dem Brustkorb.</p>
<p>Das Wasser rieselt in meine Lungenbläschen und ich bekomme dieses Panikgefühl, das den ganzen Körper zusammenkrampfen und in einer reflexartigen Bewegung die Lunge zusammendrücken lässt. Doch da ist nichts mehr um mich herum außer dem Meer und es flutet in mich hinein. Graues, schmutziges Wasser. Kalter, flüssiger Tod.</p>
<p>Plötzlich durchbricht mein Kopf die Grenze zwischen Wasser und Luft. Meine Lunge füllt sich ein weiteres Mal. Wie oft noch? Es scheint endlos viel Zeit vergangen zu sein. Das geschwungene, um mich herum aufgespannte Plateau glitzert feucht und flirrt im Licht, Schaumflocken und Wolken tanzen umeinander. Das Boot. Ein Gesicht über der Reling. Ein Mann, der mich ansieht. Dann verschwindet er hinter einem Berg aus Wasser.</p>
<p>&#8212;</p>
<address>Ein Text aus dem Jahr 2008, der eigentlich ein Beitrag zu einem Literaturwettbewerb mit dem Thema &#8220;Das erste Mal&#8221; werden sollte. Aber ich fand ihn dann unpassend für ein Popkulturmagazin.<br />
</address>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=317</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Lichtbringend, rasch entflammt</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=281</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=281#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 16 Jul 2009 21:31:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=281</guid>
		<description><![CDATA[Ceci n&#8217;est pas une blog. Ich schreibe hier so, wie ich es lesen will. Ich halte mich beim freien, nicht für den Erwerb gedachten Schreiben ungern an Regeln. Die Texte in meinem Brotberuf sind journalistisch durchformatiert. Hier dagegen nutze ich die Freiheit, die mir ein Veröffentlichen in eigener Regie bietet.
Leider musste ich genau dieses freie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ceci n&#8217;est pas une blog. Ich schreibe hier so, wie ich es lesen will. Ich halte mich beim freien, nicht für den Erwerb gedachten Schreiben ungern an Regeln. Die Texte in meinem Brotberuf sind journalistisch durchformatiert. Hier dagegen nutze ich die Freiheit, die mir ein Veröffentlichen in eigener Regie bietet.<span id="more-281"></span></p>
<p>Leider musste ich genau dieses freie Schreiben in den letzten Monaten aussetzen.  Zum einen bin ich im November Vater eines Sohnes geworden und erst einmal vollkommen in meine neue Rolle hineingeschlüpft.  Zum anderen hat mich die Wirtschaftskrise recht hart getroffen und ich musste intensiv neue (bezahlte) Aufträge heranschaffen.</p>
<p>Die Rekonstruktion meiner wirtschaftlichen Existenz ist noch nicht ganz abgeschlossen, aber im Moment habe ich wieder mehr Freiheiten &#8212; und auch mehr Seelenruhe für die Denkschriften und den <a href="http://www.jazzpartisan.de">Jazzpartisan</a>. Ich hoffe, dass es mir in den nächsten Monaten gelingt, hier etwas mehr Regelmäßigkeit hinein zu bringen und überhaupt wieder ein paar Leser zu bekommen.</p>
<p>Ein <a href="http://blog.denkschriften.de/?p=201" target="_blank">Beginn</a> ist schon gemacht. Und nun möchte ich zwei Autoren empfehlen, die abseits jedweden Mainstreams publizieren, außerhalb der festgefügten Argumentationsmuster stehen und sich zu allem Überfluss auch noch allen Gepflogenheiten des Internets verweigern &#8212; keine Links, keine Kommentare, keine Bilder oder Videos, keine nach Datum organisierte Textschlange, überhaupt nichts Bloggiges.</p>
<h3>Der neue Phosphoros</h3>
<p>Claus Koch gehört zu dem interessanten Jahrgang 1929, der in Deutschland so anregende Intellektuelle wie Ralf Dahrendorf, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Uwe Johnson, Heiner Müller oder Peter Rühmkorf hervorgebracht hat. Koch gehörte allerdings niemals zu den Modeintellektuellen und allzuständigen Statement-Maschinen. So auch heute im Internet, in dem er unter dem Titel &#8220;<a href="http://www.claus-koch.com/" target="_blank">Der neue Phosphorus</a>&#8221; essayistische Zeitanalysen veröffentlicht, die vor allem durch ihren abgeklärten, unterkühlten und jede übliche Aufgeregtheit vermeidenden Ton auffallen. Es handelt sich um ein &#8220;Enlightenment&#8221; aus der wissenschaftlichen, publizistischen und gelebten Erfahrung heraus. Das der Tonfall hin und wieder etwas apokalyptisch wirkt, mag einer Generationserfahrung geschuldet sein.</p>
<h3>Fackelkopf</h3>
<p>&#8220;Intellektueller Querulantismus&#8221; nennt Bruno Preisendörfer das Genre seines Internetmagazins &#8220;<a href="http://www.fackelkopf.de/" target="_blank">Fackelkopf</a>&#8220;, dessen Name auf ein  rhetorisch unterfüttertes Dampfablassen verweist. Es ist noch recht neu, besticht aber durch großartige Kolumnentitel wie &#8220;Hi Hitler&#8221;, unter dem offensichtlich (oder eher: soweit erkennbar) die Besessenheit der Deutschen von diesem Herrn abgehandelt wird &#8212; in E-Mails an denselben. Das ist natürlich eine Provokation.  Sie sei jedoch einem Manne erlaubt, dem sogar natürliche Feinde aus der neokonservativen Szene die schöne und trotzdem fast ausgestorbene Eigenschaft eines Klassenstandpunkts attestieren. <a href="http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2009/07/09/drk_20090709_1008_a8cd670d.mp3" target="_blank">Hier</a> gibt es &#8212; vielleicht sogar länger als zwei Wochen &#8212; ein Radiointerview mit dem Macher.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=281</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
<enclosure url="http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2009/07/09/drk_20090709_1008_a8cd670d.mp3" length="4362240" type="audio/mpeg" />
		</item>
		<item>
		<title>Die Klause unter der Küche</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=201</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=201#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 10 Jul 2009 20:13:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=201</guid>
		<description><![CDATA[
Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, stammt aus den frühen 1950er Jahren. Es bot seinen Bewohnern damals nur knapp 90 Quadratmeter Platz; zwei kleine Wohnungen mit zwei Räumen und je einer winzigen, wohl nur drei Meter langen und etwas mehr als zwei Meter breiten Küche. Im Obergeschoss war sie nicht ausgebaut, sie wurde dann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="size-full wp-image-199 alignleft" title="Hammer &amp; Zange aus der Werkstatt meines Großvaters" src="http://blog.denkschriften.de/wp-content/uploads/hammerzange.jpg" alt="" width="300" height="452" /></p>
<p>Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, stammt aus den frühen 1950er Jahren. Es bot seinen Bewohnern damals nur knapp 90 Quadratmeter Platz; zwei kleine Wohnungen mit zwei Räumen und je einer winzigen, wohl nur drei Meter langen und etwas mehr als zwei Meter breiten Küche. Im Obergeschoss war sie nicht ausgebaut, sie wurde dann später mein erstes, winziges Kinderzimmer. Im Erdgeschoss war der Raum schon bald zu klein und meine Großeltern &#8212; die Erbauer dieses Hauses &#8212; fassten einen Entschluss: Nachdem sie die Hypothek ein Jahrzehnt lang abgetragen hatten, wollten sie an die Küche ein Esszimmer mit einer großen Fensterfront anbauen, ein Bau mit einem Geschoss und einem Flachdach.</p>
<p>Der Grundriss unseres Hauses wiederholte sich auch im Keller, allerdings mit einer bemerkenswerten Ausnahme. Der Anbau war nicht mehr unterkellert, musste aber einen Sockel haben, damit das Esszimmer direkt an das Hochparterre der Küche angeschlossen werden konnte. So entstand darunter eine niedrige Höhle, in der niemand stehen konnte. Mein Großvater nutzte den recht großen Verschlag als Lager für Bohlen, Latten, eiserne Zaunpfähle und manch anderes Material, denn diese Kaverne war nur über das ehemalige Fenster im Raum unter der Küche zugänglich &#8212; der Werkstatt meines Großvaters.<span id="more-201"></span></p>
<p>Diese Werkstatt war eine Sache für sich. Mein Großvater, ein Bastler aus Leidenschaft, ein Tüftler und Heimwerker, verbrachte viel Zeit in seiner Klause unter der Küche. Ich habe ihn dort oft besucht, in seinem Kabinett der Rätsel, mit vielen seltsamen Kabeln, merkwürdigen Geräten, unbegreiflichen Werkzeugen und geheimnisvollen, angefangenen Werkstücken. Der für mich als 5jährigen stärkste Eindruck war der Geruch. Sonst kannte ich Kocharomen, Pupsgerüche, den stets etwas muffeligen Dunst meines Bettes, das blumige Duften der Waschküche und den würzigen Hauch der Schachtel NIL, die in dem großen Zigarrenaschenbecher auf dem Fensterbrett des Esszimmers steckte. Doch die Werkstatt roch anders, etwas strenger, aber nicht unangenehm. Es war eine seltsame Verbindung aus holzigen, metallischen und mir gänzlich unbekannten Aromen. Der Geruch von schmiedeeisernen Werkzeugen, gesägtem Holz, geschmolzenem Lötfett, zerriebenem Gummi, frisch abgeschnittenem Sisal und manch anderen seltsamen Dingen. Dies war das Reich meines Großvaters. Er muss beinahe jeden Tag einige Zeit dort verbracht haben, denn die Antwort auf die Frage &#8220;Wo ist Opa?&#8221; lautete immer entweder &#8220;Im Garten&#8221; oder &#8220;In der Werkstatt&#8221;.</p>
<p>Von der Ausbildung her nichts weiter als ein einfacher Fernmeldearbeiter, hatte sich mein Großvater als Autodidakt tiefer in die Elektrotechnik eingearbeitet. Ein Lehrbuch für dieses Fach fand ich wenige Jahre später &#8212; ich war noch auf der Grundschule, aber mein Großvater lebte bereits nicht mehr &#8212; nach hinten geschoben in unserem Wäscheschrank. Das Lesen in diesem Buch war für ihn keine Selbstverständlichkeit, wie überhaupt das Lernen aus Büchern. Er sei nur sieben Jahre in der Schule gewesen, sagte er mir, als meine Einschulung näher rückte, denn plötzlich sei Krieg gewesen. Er sollte seinen im Felde stehenden Vater als Fuhrmann ersetzen. Er habe nicht mehr zur Schule gehen dürfen und folglich nicht annähernd genug gelernt. Doch mein Großvater konnte einiges und beherrschte viele Gebiete der Technik, denn er ließ sich nicht erschrecken &#8212; auch nicht von einem Nazilehrer, den er in den späten 1930er Jahren &#8230; aber das ist eine andere <a href="http://blog.denkschriften.de/?p=103" target="_blank">Geschichte</a>.</p>
<p>Er bastelte also gerne und ausdauernd. Alles, was an oder in dem Haus gebohrt, gesägt, genagelt, gedübelt, verschraubt, gehobelt, geschliffen, gefeilt, gebeizt,  gestrichen, eingespannt, vernietet, gelötet, verklebt, gefliest, ausgeschachtet, eingefasst, verfugt, gemauert, betoniert, verlegt, angebracht, aufgestellt oder auf jede nur denkbare andere Art verbastelt werden musste, war sein alleiniges Gebiet. Die gesamte Elektrik des Hauses, alle Sicherungen, Kabelstrecken und -schächte, alle Steckdosen, alle Deckenanschlüsse, Verteilerdosen und Schalter, selbst der komplizierte Doppelstromkreis mit zwei unabhängigen Schaltern für den Flur; alles war von meinem Großvater verlegt worden. Es funktionierte fehlerfrei und verkraftete auch die seit den 1970er Jahren wachsende Zahl an Stromverbrauchern &#8212; die obligatorische Waschmaschine, die Trockenmaschine, zwei Fernsehgeräte, einen Herd, zwei Kühlschränke, einen Eisschrank und später dann meine Anlage mit einem 200-Watt-Stereoverstärker.</p>
<p>Das Basteln muss für ihn ein inneres Erlebnis gewesen sein, denn er nahm deswegen sogar einen Nebenjob an. Obwohl sehr gerne die Freiheiten des Rentners genießend, arbeitete er doch einen Tag in der Woche bei einem nicht weit entfernten <a href="http://www.wiener-d.com/" target="_blank">Hersteller</a> von Industrieelektronik. Die Firma war um 1970 an der Herstellung von Mainframes beteiligt und spezialisierte sich auf Schaltkreise für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung. Ich habe in Erinnerung, dass er den Burscheider Hans Wiener, den Besitzer der Firma, aus dem Krieg kannte, so dass er auch ohne ausreichende formale Qualifikation eine Aufgabe in der Firma erhielt. Leider weiß ich nicht, was er dort gemacht hat. Hat er bei der Entwicklung eines Patents mitgearbeitet? Viele grundlegende technische Lösungen sind von praktisch orientierten Bastlern geschaffen worden. Leider gibt es niemanden mehr, den ich fragen könnte. Aber mir gefällt der Gedanke, dass in jedem Rechenzentrum auf diesem Planeten Spuren des Geistes meines Großvaters zu finden sind.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=201</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Mann im hohen Felsennest</title>
		<link>http://blog.denkschriften.de/?p=214</link>
		<comments>http://blog.denkschriften.de/?p=214#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 21:10:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ingo Steinhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Kracht]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Jünger]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[I. Weltkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Philip K. Dick]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog.denkschriften.de/?p=214</guid>
		<description><![CDATA[Anfang des 21. Jahrhundert, in einem quantenparallelen Universum ganz in der Nähe. Ein namenloser Kommissär jagt einen Abtrünnigen, einen Gefährder der Ordnung. Es geht um den hundertjährigen Krieg, um das gewaltige Ringen des südeuropäisch-afrikanischen Reichs der fortschrittlichen Schweizer mit dem faschistischen Block der Briten und Deutschen.
Das neue Buch von Christian Kracht erzählt vom Erstarren der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Anfang des 21. Jahrhundert, in einem quantenparallelen Universum ganz in der Nähe. Ein namenloser Kommissär jagt einen Abtrünnigen, einen Gefährder der Ordnung. Es geht um den hundertjährigen Krieg, um das gewaltige Ringen des südeuropäisch-afrikanischen Reichs der fortschrittlichen Schweizer mit dem faschistischen Block der Briten und Deutschen.<span id="more-214"></span></p>
<p>Das neue Buch von Christian Kracht erzählt vom Erstarren der Welt in einem ewigen Kampf und von der Alpenfestung, die längst nicht mehr vom schweizerischen Sowjet kontrolliert wird. Es beschreibt das rapide Zerbröseln und Zerfasern einer Ordnung und die Ermüdungsbrüche im spröde gewordenen Gerüst einer Gesellschaft.</p>
<p>Das 20. Jahrhundert beginnt bei Kracht am 30. Juni 1908. Das Tunguska-Ereignis &#8212; vermutlich die Explosion eines Meteoriten &#8212; zerstört einen großen Teil Russlands und sprengt den Krachtraum von unserem Universum ab. Das durch die Niederlage im russisch-japanischen Krieg taumelnde Riesenreich wird bei Kracht zur leichten Beute. Vermutlich &#8212; er nennt das Jahr des Kriegsbeginns ebensowenig wie die Zeit der Romanhandlung &#8212; überfällt das ohnehin kampfbereite Deutschland das schwache Russland und so beginnt der Weltkrieg ein wenig früher.</p>
<p>Auch die weitere Entwicklung ist anders: Es gibt keine Sowjetunion, da es für Lenin keinen Grund gibt, in das unattraktive, zerstörte Russland einzureisen. So ruft er lieber nach einigen Kriegsjahren die schweizerische Sowjetrepublik aus. Sie wird ein wichtiger Kriegsgegner für die Deutschen und wandelt sich zu einem Großreich mit Besitzungen in Ostafrika.</p>
<p>Der Roman spielt 95 Jahre später und es ist immer noch Krieg. Die SSR ist ein Staat, der aus wenig mehr als einer ewig fechtenden Kriegerkaste besteht; analphabetische Kampfdrohnen, die auch mal zünftig foltern oder im Vorbeigehen ein Massaker anrichten.</p>
<p>Nur der Kommisär ist anders. Er ist kultiviert, liest und schreibt, und er glaubt an seine Mission. Für den Glauben an die Sowjetmacht wurde der Afrikaner in schweizer Uniform in langen Jahren ausgebildet. Nur ein Gläubiger kann zu einem Abtrünnigen, einem Ungläubigen werden. Und genau in diesem Moment, in dem sich der Kommissär zum Apostaten wandelt, bricht seine Welt vollkommen zusammen.</p>
<p>Das durch die Jahrzehnte der Gewalt gezeichnete Europa ist eine seltsame Kombination aus veralteter Technik und geheimnisvollen Neuentwicklungen &#8212; Pferde zur Fortbewegung, aber kybernetische Buchsen am Körper; Zeppeline für strategische Bombardements, aber eine Art Telepathie als Kommunikationskanal.</p>
<p>Lesern von Philip K. Dick kommt dies nur zu bekannt vor: Diesem Meister pointillistischer SF-Szenarien genügen nur wenige Tupfer, um seine Schauplätze fern und fremd zu machen &#8212; sprechende Geräte, PSI-Fähigkeiten, autoaktualisierende Zeitungen und salbadernde Kofferpsychiater.</p>
<p>Eine Ebene dieses sehr vielschichtigen, aber dennoch straff erzählten Romans ist eine tiefe Verbeugung vor Philip K. Dick, vor allem vor &#8220;The Man in the High Castle&#8221;, dem Alternativweltroman schlechthin, auf den mehrmals angespielt wird; zum Beispiel ist hier wie dort das I-Ging ein gängiges Gesellschaftsspiel.</p>
<p>Eine zweite Ebene sind die zahlreichen, geschickt in Motivik und Stilistik versteckten Anspielungen auf Joseph Conrad und Ernst Jünger, vielleicht aber auch Juan Donoso Cortés oder Major Grubert oder Carl Schmitt. Und vieles mehr. Wer Spaß daran hat, kann ein Christian-Kracht-Dechiffriersyndikat gründen und für den Rest seines Lebens auf die Jagd nach den Zeichen gehen.</p>
<p>Doch das ist längst nicht alles. Der Roman von Kracht ist ein spannendes, stilistisch ungewöhnliches Werk, das einen unwiderstehlichen Sog auslöst und in einem Zug gelesen werden muss. Allein die elegante Sprache, die den klassischen Bildungsstil vom Anfang des 20. Jahrhunderts für unsere Gegenwart nutzbar macht, hebt das Buch in einen Bereich weit jenseits des üblicherweise Preiswürdigen.</p>
<p>Der Roman ist Science Fiction, ein postmoderner Abenteuerroman und gleichzeitig eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Krieg in einer Zeit, in der wir Krieg führen, ohne Kriegshandlungen zu unternehmen (oder war es umgekehrt?). Wir sind Konsumenten eines besinnungslosen Politmarketings. Wir haben den Krieg im TV gesehen, wir haben bei Christian Kracht davon gelesen und wir werden dabei sein; auch in diesem Jahrhundert.</p>
<address>Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Kiepenheuer &amp; Witsch 2008, 192 S., 16,95 EUR.<br />
</address>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog.denkschriften.de/?feed=rss2&amp;p=214</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
