Deutsche Novellen

Sind das Schwächen? Eine Folge der Verknappung, die in diesen Büchern herrscht? Oder ist das alles symbolisch zu verstehen? Als literarische Verdichtung des Innenlebens der Figuren? Sind es vielleicht eher Merkmale einer bestimmten Sozialisation? Ist das der Grund für die auffällig hohe Gleichförmigkeit der geschilderten Lebensverhältnisse? Schreiben Leute aus der Medien-, Kunst- und Literaturszene am liebsten über Leute aus der Medien-, Kunst- und Literaturszene? Ist es das, oder ist es vielleicht von allem etwas?

Die Vertreter der neuen Novellistik entstammen in der Mehrzahl der mehr oder weniger bürgerlichen — wenn auch nicht vermögenden — Bildungsbohème. Deshalb bleibt das TV öfter mal aus und es wird gelesen. Auch sonst wird die Kultur gepflegt, mit Betonung auf Wahrung des Erreichten. Im Zweifel ist der Bildungsbürger wertkonservativ. Und genau so wirken diese Bücher — wertkonservativ.

Das ist nichts Schlimmes; jedes Buch ist für sich gesehen lesenswert und von hoher schriftstellerischer Qualität. Doch es handelt sich hier um die Einhegung der Kunst zwischen Buchdeckeln — ausgewogen komponierte Streberliteratur, die von vorneherein auf Perfektion abzielt, auf Erfüllung aller Anforderungen an gute Literatur, auf die Position des Klassenbesten.

Doch so viel Vollkommenheit ist auch ein bißchen langweilig. Es fehlt das Überschießende, das Kraftmeierische, das Genialische, das Durchgeknallte, das überaus Schwerstmehrfachbegabte. Es fehlt der Versuch, die Literatur für die eigenen Zwecke noch einmal neu zu erfinden. Es fehlt die Arroganz, es mit Franz Kafka, Thomas Bernhard und Arno Schmidt gleichzeitig aufzunehmen. Kurz: Es fehlt die Lust auf das Risiko eines kläglichen Scheiterns auf höchstem Niveau.

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