Deutsche Novellen

Wer länger über diese Bücher nachdenkt, erkennt in ihrer beinahe makellosen Perfektion einige — auf den zweiten Blick auffällige — Seltsamkeiten.

Erstens: Das Land ist menschenleer. Passanten, Fußvolk, Laufkundschaft? Nicht im Novellen-Deutschland. Es gibt keine vollgestopften Straßen, keine Staus und Warteschlangen, keinen Rentner-Slalom im Supermarkt. Zwar ist das Einschrumpfen der Umwelt auf wenige impressionistische Tupfer dem schmalen Wirklichkeitsausschnitt einer Novelle geschuldet. Trotzdem erkenne ich mein Land mit seiner dauernden Schlußverkaufsstimmung, seinem Gerempel, Gegaffe und Gezeter und mit seiner hektischen Autofahrerei kaum wieder. In den Büchern herrscht ein ewiger Sonntagmorgen — in der Wirklichkeit die einzigen Stunden, in denen Deutschland Atem holt.

Zweitens: Niemand schreit. Die Dialoge, die inneren Monologe, die selbstreflexiven Passagen sind vorwiegend auf die mittlere Tonlage eines Verkaufsgesprächs bei Manufactum gestimmt. Kaum, dass jemand seine Stimme erhebt. Nie fällt einer aus der Rolle. Immer sind alle brav — selbst dann, wenn sie unhöflich sind oder unverschämt auftreten. Hier zeigt sich der bürgerlich-gymnasiale Hintergrund der meisten Autoren. Da wird ein Streit zu einem Austausch von gesucht gehässigen Sarkasmen und nicht zu einem Kampf um Selbstbehauptung.

Drittens: Arbeit ist unbekannt. Die meisten Figuren haben Jobs, die reine Behauptung bleiben. Manchmal sind sie frei arbeitende Kreative, die irgendwas mit Medien machen; manchmal haben sie irgendeinen rätselhaften Büroberuf. Immer wirken sie unterbeschäftigt und haben Freiräume, von denen selbst Freiberufler träumen. Die Haupthandlungszeit der Geschichten ist grundsätzlich früher Nachmittag und späte Nacht. Niemand hat Pflichten oder verpasst ein Treffen im Café, weil der Babysitter zu spät kommt. Geld ist vorhanden, einfach so.

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