Deutsche Novellen

Der Markt fordert und fördert den Kurzroman — weder Anbieter noch Nachfrager können mehr bewältigen. Doch was ist es genau, dass da beinahe schon als Dutzendware in den Handel kommt? Eigentlich ist der Kurzroman eine Weiterentwicklung der Novelle des 19. Jahrhunderts. Erinnern wir uns: Eine Novelle schildert eine unerhörte Begebenheit. Sie nutzt dafür eine stark verknappte Exposition und eine geraffte, fast immer einlinige Handlung — ohne Nebenerzählungen und Erläuterungen.

Die modernen Novellen erfüllen diese Kriterien oft sehr genau. Die Erzählung hat ein kleines Ensemble und wird fast immer von einer Person vorangetrieben; oft das literarische, manchmal autobiografisch zu verstehende Ich. Vielfach ist ein ungewöhnliches Ereignis — oft ein innerer Konflikt — der Auslöser einer sich zuspitzenden Ereigniskette. Nebenerzählungen fehlen oder sind nur rudimentär. Selten hat der Protagonist noch einen Antagonisten; und wenn, dann ist er meist nur eine Art Stichwortgeber ist, der sich als Figur weder entwickelt noch wächst.

Die Häufigkeit dieser Muster ist auffällig. Könnte dies noch einen weiteren Grund haben? Ja, sehr wahrscheinlich sogar, denn die jüngeren deutschen Autoren sind ein Produkt des bundesrepublikanischen Deutschunterrichts. Erinnern wir uns: Da die Novelle eine recht genau zu definierende und — vor allen Dingen — wegen ihrer stark handwerklichen Ausrichtung leicht zu erkennende Gattung ist, sind Deutschlehrer geradezu in sie verliebt.

Von den Richtlinien für das Fach Deutsch zur Behandlung einer Gattung verdonnert, greifen sie gerne zur Novelle. Es gibt viele idealtypische Beispiele, die trotz hohen Alters gut lesbar und dabei leicht analysierbar sind. Die Novellendefinition kann oft wie ein Sandförmchen über den Text gestülpt werden, was auch Schmalspurgymnasiasten zu einer akzeptablen Note verhilft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.