Deutsche Novellen

Das veränderte, auf Kürze ausgerichtete Leseverhalten ist ein Grund für den Boom des Kurzromans. Ein großer Teil der Freizeit ist heute vielen verschiedenen Medien gewidmet. Auf Platz Eins steht das TV, für viele Jüngere der Computer. Und die knappe Zeit ist zersplittert, aufgeteilt in viele kleine Zeitscheiben, in denen wir dies und das erledigen. Großromane sind dort kaum noch unterzubringen. Da dürfen die Bücher nicht so lang sein, sie dürfen auch nicht so fuchtbar schwierig sein; sie müssen leicht zu bewältigen sein. Als nachfrage-orientiertes Produkt passt der Kurzroman also genau in den Markt.

Doch das Produkt ist außerdem anbieter-gesteuert, denn der moderne literarische Markt des beginnenden 21. Jahrhunderts hat ein Grundgesetz: Eine Autorin, ein Autor muss regelmäßig ein frisches Buch anbieten. Andernfalls kann die Nachfrage leiden; der Autor gerät sonst schnell außerhalb jeder Diskussion und wird kaum noch wahrgenommen. Wenigstens ein Aufguss von etwas Bekanntem sollte es sein — eine Sammlung mit Zeitungsartikeln, mit Aufsätzen oder einfach was aus der Schublade.

Und so ist der Literat von heute eine gut geölte Maschine: Ein neues Werk zur Frankfurter Herbstmesse, dann TV-Auftritte, Lesereise, Konzeption eines Zwischenwerks mit gut abgehangenen Texten, Leipziger Frühjahrsmesse mit der Taschenbuchvorstellung, Konzeption des neuen Hauptwerks, Herbstmesse mit dem Nebenwerk, TV-Auftritte, Lesereise, in Klausur mit dem Roman, rasches Lektorat, fixer Druck, flotte Auslieferung — und pünktlich zwei Jahre nach dem Erfolgsroman ist der Nachfolger auf dem Markt.

Wer tatsächlich von seiner Arbeit als Romancier leben will, muss sich auf diesen rasanten Arbeits- und Lebensrhythmus einlassen. Dabei ist ein Werk von mehr als 200 Seiten kaum zu schaffen: Schnellschreibern gelingen im Rohentwurf vielleicht 5 Seiten pro Tag, das macht mit etwas Glück 25 Seiten pro Woche. Also steht der erste Entwurf nach zwei Monaten. Wer jetzt mehr als zwei Monate für Überarbeitung, Feinschliff und die kleinen Katastrophen des Schreiberlebens braucht, hat schon verloren.

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