radio aporee ::: maps

Wenn es überhaupt einen Sinn haben soll, die Individualität jedes einzelnen Punktes aufrechtzuerhalten, dann müssen wir auch zulassen, dass einem Punkt Eigenschaften zugeordnet sein können, die unverändert bleiben. Denn wenn es nicht unser Ziel wäre, irgendeinen Tatbestand zu formulieren, der diesen speziellen Punkt der Raum-Zeit betrifft, worin bestünde dann der Sinn, den Punkt so sorgfältig zu markieren, dass wir ihn wiederfinden?

Erwin Schrödinger, Die Struktur der Raum-Zeit

Mit einigen Punkten im Raum sind Erzählungen und Geschichten verbunden. Es sind immer Erinnerungsorte, manchmal Geschichtsorte, oft ganz private Plätze, klein, eng, verborgen. Das Projekt „radio aporee ::: maps“ gibt den Punkten im Raum eine Stimme. Es kann die Stimme dessen sein, der diesen Text liest. Es kann die Stimme dessen sein, der diesen Text schrieb. Es kann die Stimme eines Fremden sein. Es kann ein Lied sein. Es kann Musik sein. Oder Geräusche. Und Schweigen.

Im freien Fall

Erinnerungen beginnen meist auf der Wende vom zweiten zum dritten Lebensjahr. Sind sie zunächst nur einzelne Schlaglichter, so verdichten sich die von jähen Schnitten unterbrochenen Kurzfilme über die Zeit zu einem kontinuierlichen Strom aus Bildern und Klängen. Die frühen Erinnerungen sind fragmentarisch und anekdotisch; oft ist es kaum möglich, zwischen nachträglich durch Erzählungen eingefügten Geschichten und dem Erlebten zu unterscheiden.

Eine Erinnerung jedoch ist mir nie aus dem Kopf gegangen: Als Dreijähriger sprang ich einmal die Steintreppe mit den drei Stufen herunter, die die Terrasse am hinteren Teil des Elternhauses mit dem kleinen Garten verband. Links und rechts der Stufen sah ich schmale Beete mit intensiv gelben Blumen und unten, in leicht gebückter Haltung, sie, die Arme ausbreitend.

Hier endet der Erinnerungssplitter, und hier enden auch meine Sprungträume, die, wenn mein Körper, im Dämmer des Einschlafens, sich entspannt, die Glieder zucken lassen, so dass ich springe, und ich bin im freien Fall und sehe die gelben Blumen und schlafe tief und fest, und ich falle nicht mehr.

(2004)

Ist doch so, oder?

Bald ist wieder Bachmannpreiszeit. Der Bachmannpreis ist die Gladiatur des Dichters. Er sitzt da und kämpft. Er liest einen Text. Neu muss der Text sein, und er muss bachmannpreiswürdig sein. Das es möglich ist, in Klagenfurt mit Managementstrategien zu gewinnen, hat die Preisträgerin des letzten Jahres gezeigt. Unique Selling Point. Quality Management. Return On Investment. Hat man eigentlich wieder etwas von ihr gehört, literarisch, meine ich? Der große Zeitroman? Budenbrooks unter Mitte-Hipstern mit butterweichen Geschäftsmodellen?

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Die paradoxe Situation der Gegenwart (2)

Effizienz. Qualität. Exzellenz. Drei Worte, die in jedem Hausaltar eines Managers in eine elektrische Gebetsmühle eingespannt sind, Tag und Nacht rotieren und das neoliberale Karma befördern. Und es hat geklappt: Verschwendung und Schlendrian sind verschwunden, Dummheit und Drückebergerei vergangen. So gut wie alle Lebensbereiche sind vom neoliberalen Karma erfasst worden. Alles ist effizient und exzellent, und es hat jede Menge Qualität. Vor allem im öffentlichen Sektor, denn dort fand eine Revolution statt. An den Schulen wird im Dreiviertelstundentakt 30fache Qualität produziert. Die Universitäten sind Brutstätten der Exzellenz. In den Krankenhäusern können die Ärzte und Schwestern vor Effizienz kaum noch gehen. Und die Straße vor meiner Wohnung ist im Februar in stundenlanger Nachtarbeit geteert und seitdem an zwei Stellen erneut aufgerissen worden, weil irgendwelche Kabel defekt waren.

Das wirkliche Intelligenzblatt

Intelligenz bedeutete in der Vergangenheit schlicht Information oder Nachricht. In Zukunft wird damit eher die Fähigkeit gemeint sein, in Pisa-Tests nicht zu versagen. In der Mitte zwischen diesen beiden Polen liegt „Die Gazette„, eines der wenigen wirklichen Intelligenzblätter der Deutschen. Ein breites Spektrum an hochkarätigen Autoren erkundet in diesem „politischen Kulturmagazin“ die „kulturellen Grundströmungen der Gegenwart“.

Heribert Prantl analysiert im aktuellen Heft 13 den magersüchtigen Privatisierungsstaat, während Alan Wolfe die Politische Philosophie in den USA in den Blick nimmt. Florian Sattler stellt die beiden politischen Akademien im bayrischen Tutzing vor. In Heft 12 nähert sich Herfried Münkler den politischen Netzwerken theoretisch und Tarik Ahmia erkundet die Mode des Staatsausverkaufs durch Public-Private-Partnership. Außerdem beschreibt der Inder Sudhir Kakar die Gesellschaft der flexiblen Hindus.

Die Gazette ist das privat finanzierte Projekt des Münchners Fritz R. Glunk, das von drei ehrenamtlichen Redakteuren betreut wird. Sie zeigt, dass die „Holzmedien“ noch nicht tot sind, denn der Ursprung der Gazette ist ein 1998 gegründetes Web-Magazin. Um überhaupt Anzeigenkunden anzulocken, wurde die Druckausgabe geschaffen – mit inzwischen immerhin 1.500 Abonnenten.

Girls & Guitars

Die Musikindustrie schmort in der Formatpophölle. Für Teens’n’Bands dagegen gibt es myspace.com und andere Websites. Durch sie wird großartige Musik aus Provinzkäffern und Vorstädten weltbekannt. Für einen experimentierfreudigen Menschen wie mich ist das eine Ahnung vom Paradies:

  • Candie Payne ist eine junge Sängerin aus Liverpool. Ihr Superhit „All I need to hear“ hat etwas von der Art, in der Lee Hazlewood komponiert und arrangiert. Die Stimme der Sängerin ist kraftvoll und ein wenig dunkel, so wie das Leben.
  • The Postmarks aus Florida erinnern in einigen Stücken eher an Burt Bacharach. Auch sonst fehlt alles Grelle und Laute: Die sanft-lyrische Stimme von Tim Yehezkely entführt uns mit dem Song „Goodbye“ in den ewigen Frühling.
  • Strike The Colours sind Schotten, und ich werde den Gag mit der sparsamen Instrumentierung nicht auslassen. Aber im Ernst: Die Band beweist, dass aus den kühlen Highlands warmer und elegischer Folk kommt. Wegen des engelhaften Chorgesangs könnte ich mir „Safety in Numbers“ als Dauerschleife ins Gehirn brennen lassen …

Übrigens: Grüße nach Höxter und danke für die Tipps.

Eine edle Mumie

Etwas entfernt vom Merkur – links davon – sehe ich weitere Regalböden, von Paperbacks in bunten Farben überquellend. Ich habe sie platzsparend in zwei Reihen hintereinander gestellt. Von der Nummer 65 („Der große Bruch – Revolte 81“) bis Nummer 160 („Die neuen Rituale“) sind es ziemlich genau ein Meter und siebzig Zentimeter. So lang ist diese „edle Mumie“, wie die FAS („Fass!“) die ehemals paradigmatische Alt68er-Zeitschrift „Kursbuch“ bezeichnet hat.

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Wie Kurt Vonnegut einmal beinahe seinen Pazifismus vergessen hätte

Kurt Vonnegut ist im 2. Weltkrieg zum Pazifisten geworden. Seine eigenen Kameraden haben ihn in Dresden zum Pazifisten gebombt. Nur einmal, kurz nach der Rückkehr aus dem Krieg, hätte er seinen Pazifismus beinahe vergessen – als ihm sein Onkel die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Du bist jetzt ein Mann.“ Kurt Vonnegut fühlte den Wunsch, seinen Onkel zu erschießen.

Kurt Vonnegut jr. * 11. 11. 1922 – † 11. 04. 2007

Jazz like an African

Weltmusik? Ethnogefrickel? Brutal aus dem kulturellen Kontext gerissenes Gegniedel auf evangelischen Kirchentagen? Nein, eine fantastische Symbiose aus Jazz und traditioneller afrikanischer Musik. Wer wissen will, wie sich in den 60ern echte Aufbruchstimmung anhörte, wird hier schlauer. Gibt es beim Plattenladen meines Vertrauens.

Various - Ethiopian modern instrumental hits - L'Arome (F 2003) Astatke, Mulatu - Ethio Jazz - L'Arome (F 2002) Ragab, Salah & The Cairo Jazz Band - Present Egyptian Jazz - Art Yard (UK 2006)

Und wenn nicht sofort alle juristischen Höllenhunde hinter mir her wären, gäbe es auch ein paar kurze Hörproben …