Drei Träume

Begegnung beim Einkauf

Ein paar Stunden bin ich durch die Stadt gewandert. Mein Weg hat mich weit in den Süden geführt, zu einigen kleineren, versteckt gelegenen Antiquariaten. Am späten Nachmittag gehe ich langsam die breite Hauptstraße entlang, die in einer sanften Steigung in die Innenstadt führt. An einer Eisdiele bleibe ich stehen. Sie liegt ein paar Meter von der Straßenfront entfernt, so dass ein kleiner Platz entsteht. Einige runde Tische mit zierlichen Stühlen erweitern den Gastraum, dessen breite Türen weit offen stehen. Ich gehe auf einen freien Tisch zu, als ich eine Frau entdecke, deren Gesicht mir bekannt vorkommt. Mir fällt ihre Pagenfrisur auf, und ihre dunkle Haut. Sie sitzt alleine. Sie erkennt mich, steht auf und geht lächelnd auf mich zu. „Schön, dass Du auch hier bist.“ Ich spüre ihren Atem auf meiner Haut.

Weißes Essen

Eines Nachts fahre ich den langen Berg hinauf zur Universität. Ich parke neben einem alten Bully. Peitschenlampen gießen Dunkelgelb auf meinen Weg. Die Glastüren zur Mensa stehen auf. Ich gehe schnell hinein. Blendendes Licht. Langsam gewöhnen sich die Augen daran. Ein riesiger Saal, völlig leer. Nur an der Schmalseite, direkt neben dem Eingang steht ein langer Tisch, beinahe wie ein Tapeziertisch. Er ist überladen mit Obst, Gemüse, Fleisch, Schinken und vielen anderen Köstlichkeiten. Näher tretend erkenne ich, das es weißes Essen ist. Ich nicke dem Wärter zu, der neben dem Tisch auf einem kleinen Hocker sitzt. Langsam schälen sich einige weiß gekleidete Gestalten aus dem Licht. Sie gehen ruhig an dem Essen vorbei, beachten es nicht einmal. Der Wärter und ich, wir sind die einzigen schwarz gekleideten Menschen. Ich greife nach einem weißen Apfel. Es ist Nacht, und es ist sehr hell.

Dem Strom entgegen

Die Häuser liegend durcheinander gewirbelt im Zwielicht. In der Ferne, fast im Dunst verschwunden, die Reste eines großen Gebäudes, ein Skelett aus geschmolzenem Stahl. Das Land ist mit einem grauen Schimmer überzogen. Am Horizont ein schwaches, braunes Leuchten. Dunkel marmorierte Wolken jagen über unsere Köpfe hinweg. Die Kälte ist ein beißender Schmerz in den Fingergelenken. Rechts vor uns die rauchenden Trümmer eines Lastschiffes. Wir rudern langsam nach Süden, an Koblenz vorbei. Eine große Uferfläche, bedeckt mit dem Granulat verkohlter Pflanzen. Das Wasser schwappt graubraun darüber und bedeckt einen schmalen Streifen mit glänzendem Schleim. Wir halten auf eine seichte Stelle zu. Kurz vor dem Ufer springe ich heraus und ziehe das Boot an Land. Wir suchen Holz für ein Feuer. Lange waten wir durch den körnigen Staub und sammeln kleine Kohlestückchen. Sie streicht die Haare zurück und bündelt sie zu einem dünnen Pferdeschwanz. Unsere Hände treffen sich, als wir sie am Feuer wärmen.

(2005)

Arno Schmidt für die Jugend

Mit 15 war ich Science-Fiction-Fan und ein richtiger Nerd. Die Phase, in der ich aus alten Filzstiften und selbst angemischtem Schwarzpulver Raketen gebastelt und dann einmal quer durch den Garten meiner Oma geschossen habe, war allerdings schon wieder vorbei. Ich hatte jetzt härteren Stoff: J. G. Ballard, John Brunner, James Tiptree Jr., William F. Nolan, Samuel R. Delany, Philip K. Dick und ein paar andere. In ihren Romanen ging es um die Zukunft und um Sex, wobei ich Sex zunehmend interessanter fand.

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Der staunende Blick

Dienstags bin ich oft im Elektra. Dieses Mal lässt mich Jakob lange warten. Ich rede mit H. und D. Zwischendurch schaue ich immer, ob er kommt und die Bestellung aufnimmt. Jedes Mal registriere ich die Frau vom Nebentisch. Beim ersten Mal hört sie mit lauschendem Gesicht ihrem Nachbarn zu. Beim zweiten Mal lächelt sie still in sich hinein. Dann schaut sie zur Theke. Ein anderes Mal sieht sie gespannt und amüsiert aus. Schließlich blickt sie in meine Richtung, sieht mich aber nicht.

Jakob kommt um die Ecke und geht zuerst zu ihr. Ich beobachte, wie sie ihren Wuschelkopf in den Nacken wirft und zu ihm aufschaut. Dann nennt sie ihre Wünsche. Jakob nickt, die Frau nickt zurück. Nun schaut sie wieder ihren Nachbarn an. Die Kerzen auf dem Tisch sind flackernde Miniaturen im Rund der Brille. Sie blickt dem Mann in die Augen, lächelt und hat jetzt wieder dieses freundliche, ernste, interessierte und lauschende Gesicht.

Das Alter eines Menschen zeigt sich in seinen Augen. Junge Menschen haben einen staunenden Blick und ein neugierig wirkendes Antlitz. Sie schauen ein wenig forschend, ein wenig misstrauisch. Es ist ein direkter Blick, der sich mit unverstellten Geist umschaut. Sie haben noch lange nicht alles gesehen. Die Welt ist neu und erstaunlich, die Wirklichkeit hat noch keine Schneisen geschlagen.

Plötzlich bemerke ich eine Bewegung. Von meinem Platz aus kann ich durch das Fenster auf den Bürgersteig schauen. Die Frau vom Nachbartisch ist draußen und schließt ihr Fahrrad auf. Sie schaut in meine Richtung. Ich wünsche mir ein neugieriges Lächeln.

Zwanzig Jahre

Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und über den Rand des Monitors schaue, erblicke ich im gegenüberliegenden Regal zwei Reihen und eine halbe aus hellen, graubeigen Bänden: Den Merkur, die deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Seit meinem Umzug nach Köln im Jahr 1987 wächst diese Sammlung um weitere Jahrgangsbände, die ich in jedem Frühsommer in Leinen binden lasse.

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Am Rand der Geschichte

Golo Mann war ein freundlicher Melancholiker, eine unter Intellektuellen öfters anzutreffende Spezies. Er war es gewohnt, das Leben von der schweren Seite zu nehmen; sicher nicht zuletzt, um die dünne Haut des übersensiblen Nervenmenschen vor Verletzungen zu schützen. Diese Geisteshaltung hat ihn zu einem leicht spleenigen und in der Öffentlichkeit oder unter Fremden unbeholfen wirkenden Menschen gemacht.

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Aus dem Inneren der Bundesrepublik

Es war ein Spontankauf. Ich wußte gar nicht, dass ein neues Buch von Dieter Wellershoff erschienen ist. Ich habe noch am selben Abend angefangen zu lesen und erst weit nach Mitternacht aufgehört. Die Essays in dem Band „Der lange Weg zum Anfang“ haben mich sofort fasziniert. Der 1925 geborene Autor schreibt einen bemerkenswert geschmeidigen Stil und zeichnet sich durch die Fähigkeit zum Selberdenken aus.

Das neue Buch ist – trotz einiger Wiederholungen durch überschneidende Themen – eine interessante Sammlung von Gelegenheitstexten und Interviews aus den letzten Jahren. Viele Essays bieten einen Ausflug in die literarische Geschichte der Bundesrepublik, die Wellershoff entscheidend mitgestaltet hat – als Autor eines dicken Buchs über Benn, Herausgeber der Benn-Werkausgabe, Lektor von Heinrich Böll und Rolf Dieter Brinkmann und als Schriftsteller mit einem umfangreichen erzählerischen und essayistischen Werk.

Im hohen Alter liegt das Erinnern nahe, besonders bei einem Menschen, der die Zeit seit dem Beginn des 2. Weltkriegs bewußt miterlebt hat. Durch die Aufsätze, Reden und Interviews entsteht eine private und eine intellektuelle Biografie. Wellershoff berichtet aus dem Inneren der Bundesrepublik und verzichtet auf jede Verklärung der Vergangenheit. Ob es sich um Erinnerungen an Krieg oder Nachkrieg oder an literarische Weggefährten handelt: Er idealisiert nicht. Der Blick auf Kollegen, Eltern und den Bruder ist liebevoll, aber erfreulich unsentimental.

Dieter Wellershoff, Der lange Weg zum Anfang.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 331 Seiten, EUR 19,90.
ISBN 346203765X