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Herr Böhmer

Er sah distanziert aus und oft auch ein wenig einsam, dort oben auf seiner Bühne. Das leicht grünlich schimmernde Panzerglas verstärkte diesen Eindruck noch. Der gesamte Bereich dahinter war auf ein Podest gestellt. So konnten die Kassierer im Sitzen arbeiten und blieben trotzdem mit dem Publikum in Augenkontakt. Sie wirkten würdevoll und streng, die dicke Scheibe dämpfte ihre Stimmen. Dies übertrug sich auch auf die Besucher, die sofort auf eine zurückgenommene Weise zu sprechen begannen, wenn sie an die Scheibe traten. (Weiter)

Gartenmöbel werden umgeworfen

keine luftbewegung
rauch
steigt
senkrecht
empor
kaum merklich
rauch treibt
leicht ab
windflügel & windfahnen
unbewegt
blätter rascheln
wind im gesicht
spürbar

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Wagnis und Charakter

Diese Männer bedürfen keines Extremsports. Sie können Grenzen ausloten, Räume erobern und neue Wege beschreiten. Sie sind Entdecker und Eroberer. Robert Edwin Peary (1856-1920) bereiste in großen Expeditionen Grönland und die Arktis. Frederick Albert Cook (1865-1940) war Expeditionsarzt auf Entdeckungsreisen nach Grönland, die Arktis und Antarktis und bestieg den Mount McKinley in Alaska.

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Weitergehen

 
“Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler. Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht, auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinaufgekommen ist.”
 
“Während ich, bevor Bojana vom Clubben genug hatte, nur am Samstag mit Milica ausgegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Bojana vom Clubben genug hat, auch am Sonntag mit Milica aus. Weil Bojana am Sonntag mit mir ausgegangen ist, gehst du jetzt, nachdem Bojana am Sonntag nicht mehr mit mir ausgeht, auch am Sonntag mit mir aus, sagt Milica, nachdem Bojana jetzt genug hat und vor der Glotze klebt.”
Thomas Bernhard, Gehen Barbi Markovic, Ausgehen

Der linke Text sind die ersten Zeilen des klassischen Bernhard-Textes “Gehen”, der als Einstiegsdroge zum lauten Vorlesen empfohlen sei. Der rechte Text sind die ersten Zeilen von “Ausgehen”, der respektvoll-frechen Verbeugung einer Germanistikstudentin aus Serbien vor “Gehen” und dem Textuniversum Thomas Bernhards; er ist aber auch eine Geschichte und Erzählung sui generis über die Welt der Nachtmenschen und Ausgeher.

Barbara Markovic
Ausgehen
Frankfurt: Suhrkamp 2009
96 Seiten, EUR 12,-

Unendliche Freude

Die Monster der Weltliteratur enthalten in ihren Titeln oft einen ironischen Wink für den Leser. “Fluss ohne Ufer” von Hanns Henny Jahnn? Dort bin ich nach gut elfhundert Seiten abgesoffen, ohne Land in Sicht. “Zettel’s Traum” von Arno Schmidt? Der Versuch, mehr als ein paar Seiten zu dechiffrieren, verschaffte mir Albträume.  “Dessen Sprache du nicht verstehst” von Marianne Fritz? Die Erinnerung an das mühsame Entziffern einer Sprache, die nicht von dieser Welt stammt. (Weiter)

Tiere in der Stadt

Natürlich die Schmeißfliegen. Große, summende Aliens, wie schwarze Löcher im Zwielicht der Wohnung. Sie rauschen durch die Zimmer, immer an den Wänden entlang, im oberen Drittel der Zimmerhöhe, auf der Suche nach Aas. Finden sie nichts, schwingen sie ihre plumpen Körper brummend durch die Zimmer, hin und her, vor und zurück, und wieder zu den offenen Fenstern hinaus. (Weiter)

Mein zweites Leben

Ich war einen kurzen Moment verblüfft. Ich hätte nie gedacht, dass es sich so seltsam anfühlen würde. Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte mehr erwartet. Etwas stärkeres. Wie ein Schlag mit der Peitsche. Oder wie ein Elektroschock. Auf jeden Fall mehr Schmerz und mehr Kälte. (Weiter)

Lichtbringend, rasch entflammt

Ceci n’est pas une blog. Ich schreibe hier so, wie ich es lesen will. Ich halte mich beim freien, nicht für den Erwerb gedachten Schreiben ungern an Regeln. Die Texte in meinem Brotberuf sind journalistisch durchformatiert. Hier dagegen nutze ich die Freiheit, die mir ein Veröffentlichen in eigener Regie bietet. (Weiter)

Die Klause unter der Küche

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, stammt aus den frühen 1950er Jahren. Es bot seinen Bewohnern damals nur knapp 90 Quadratmeter Platz; zwei kleine Wohnungen mit zwei Räumen und je einer winzigen, wohl nur drei Meter langen und etwas mehr als zwei Meter breiten Küche. Im Obergeschoss war sie nicht ausgebaut, sie wurde dann später mein erstes, winziges Kinderzimmer. Im Erdgeschoss war der Raum schon bald zu klein und meine Großeltern — die Erbauer dieses Hauses — fassten einen Entschluss: Nachdem sie die Hypothek ein Jahrzehnt lang abgetragen hatten, wollten sie an die Küche ein Esszimmer mit einer großen Fensterfront anbauen, ein Bau mit einem Geschoss und einem Flachdach.

Der Grundriss unseres Hauses wiederholte sich auch im Keller, allerdings mit einer bemerkenswerten Ausnahme. Der Anbau war nicht mehr unterkellert, musste aber einen Sockel haben, damit das Esszimmer direkt an das Hochparterre der Küche angeschlossen werden konnte. So entstand darunter eine niedrige Höhle, in der niemand stehen konnte. Mein Großvater nutzte den recht großen Verschlag als Lager für Bohlen, Latten, eiserne Zaunpfähle und manch anderes Material, denn diese Kaverne war nur über das ehemalige Fenster im Raum unter der Küche zugänglich — der Werkstatt meines Großvaters. (Weiter)

Der Mann im hohen Felsennest

Anfang des 21. Jahrhundert, in einem quantenparallelen Universum ganz in der Nähe. Ein namenloser Kommissär jagt einen Abtrünnigen, einen Gefährder der Ordnung. Es geht um den hundertjährigen Krieg, um das gewaltige Ringen des südeuropäisch-afrikanischen Reichs der fortschrittlichen Schweizer mit dem faschistischen Block der Briten und Deutschen. (Weiter)